Zwischen allen Gebetsstühlen

Auch wenn es im Folgenden um Glauben geht, so habe ich es fast selbst kaum mehr geglaubt. Aber ich habe mich nach dreieinhalb Jahren endlich für eine Heimatgemeinde entschieden.

Es war ein sehr langer und gewundener Weg dorthin und ich hätte nicht gedacht, dass mir und uns in der guten alten evangelisch-lutherischen Kirche eine derart große Vielfalt an Gemeinden und Gläubigen begegnen würde. Wir haben in der langen Zeit viele freundliche Gespräche geführt, nach den Gottesdiensten Unmengen von Kaffee getrunken und an Keksen geknabbert. (Bei aller Unterschiedlichkeit der Menschen und Gottesdienste möchte ich mir hier den augenzwinkernden Hinweis nicht verkneifen, dass die Kekse jedoch in allen Gemeinden die gleichen waren).

Am Besten erzähle ich in diesem längeren Reisebericht was mir auffiel, einfach und ganz subjektiv. Wobei ich erwähnen muss, dass wir manche Kirchengemeinden mehrmals besuchten, andere lediglich einmal. Was aber eher daran lag, dass ich eine Gemeinde suchte, die so nah sein sollte, dass ich bei sonntagmorgendlicher Faulheit keinen Grund finde, um zuhause zu bleiben.

St. Michaelis 01B

St. Michaelis

Die mir am nächsten gelegene Kirchengemeinde ist St. Michaelis in der Echternstraße, eingeklemmt zwischen schönen Fachwerkhäusern und der grauenhaften Güldenstraße. Mein erster Versuch, über das Internet und ein Telefonat die Gottesdienstzeiten zu erfahren, war nicht so erfolgreich, ich schrieb bereits darüber. Auch ein zweiter, spontaner Versuch war erfolglos, weil die Innenstadtgemeinden an diesem Sonntag einen gemeinsamen Gottesdienst in Riddagshausen abhielten. Der dritte Anlauf geschah im tiefen Winter, aber auch dann war die Kirche geschlossen und wir wurden in das benachbarte Gemeindehaus umgeleitet. Hier fielen mir zuerst viele große und sehr bunte, im Halbkreis stehende Bilder auf, die Ergebnisse eines gemeinsamen Kreativwochenendes.

Die Predigt zeigte, ebenso wie fast alle folgenden Predigten, das starke soziale Profil von St. Michaelis. Das liegt vor allem an der etwas problematischen Sozialstruktur des Stadtteils, mit der außer dieser Gemeinde auch St. Martini und die Gartenkirche gut zu tun haben. Einmal im Monat findet ein Gottesdienst mit anschließendem, gemeinsamem Abendessen noch näher am sozialen Brennpunkt statt, in der Hugo-Luther-Straße. Noch vor wenigen Jahrzehnten war das heute so schöne Michaelisviertel selbst so ziemlich die heißeste Ecke Braunschweigs, gleich neben der Kirche lag ein Bordell.

Das altehrwürdige Kirchengebäude ist eine eigenwillig charmante Mischung aus der Kargheit des Kirchenraumes mit den schönen Fenstern oder vereinzeltem Kirchenmobiliar, das etwas abgestellt wirkt. Eine Konstante in allen Gottesdiensten waren die äußerst lebendigen, über die Kirchenbänke hinweg kommunizierenden Konfirmanden. Der Pastor hat sie zwar ständig im intensiven Blick, was sie aber nicht dauerhaft zu beeindrucken schien, so dass sich an einem Sonntag eine etwas resolut wirkende Frau zwischen sie setzte.

Die Gottesdienste sind – wie die meisten der Innenstadtgemeinden – nicht so üppig besucht, aber alle Teilnehmer scheinen sich gut zu kennen und bleiben nach dem Gottesdienst gerne noch auf ein Schwätzchen. Bei dem, wie in allen Gemeinden mindestens einmal im Monat stattfindenden Kirchencafé, wurden wir herzlich aufgenommen und neugierig in die Gespräche einbezogen.

Der Pfarrer und ich begegnen uns häufig, schließlich liegt seine Kirche gleich neben meiner Arbeitsstätte. Er berichtete, dass er in den fünf Jahren seiner Zeit als Gemeindepastor spannende Kunstinstallationen im Kirchenraum hatte und das gerne öfters wiederholen möchte. Ein weiteres Merkmal der Gemeinde sind Konzerte, deren Ankündigungen sich im Gemeindebrief sehr gut lesen, die ich aber noch nicht geschafft habe zu besuchen.

BS Ottmar Alt Martini 09

St. Martini

Die am Alten Markt direkt benachbarte Kirche – wobei man sagen muss, dass in der Innenstadt alle evangelischen Kirchen direkt benachbart sind – ist St. Martini. Sie ist ebenfalls direkt an meinem Arbeitsplatz gelegen, ich schaue von meinem Schreibtisch auf die schönen Türme. Das Besondere daran ist, dass St. Martini die einzige Kirche der Innenstadt ist, die zwei gleich hohe Türme hat.

Ist St. Michael ein wenig klein und karg, so ist Martini eher das Gegenteil davon – üppig schön, vielfältig und voller optischer Impulse, es gibt überall etwas zu entdecken. Der Innenraum ist groß, man kann den Blick schweifen lassen und sieht dabei, wie sich die künstlerischen Zeugnisse der Jahrhunderte wunderbar ergänzen. Der Kirchenraum wird auch für zeitgenössische Ausstellungen genutzt, ich erinnere mich an großartige Exponate einer Otmar-Alt-Ausstellung an der ganz Braunschweig beteiligt war. Auch ist Martini in der Stadt für seine Konzerte bekannt und hat einen tollen Gemeindechor, wir hörten Teile seiner wundervollen Aufführung des Paulus von Mendelssohn-Bartholdy.

Der sonntägliche Gottesdienst kommt Langschläfern zugute, denn er beginnt erst um 11 Uhr. Da der Pastor viel weitere Aufgaben, zum Beispiel als Krankenhausseelsorger hat, die Personaldecke aber straff gespannt ist, haben wir überwiegend Vertretungspastoren erlebt. Überhaupt wird in Braunschweig viel mit Vertretungen gearbeitet, ein Umstand der mich schlussendlich zu meiner Gemeinde führte, davon aber erst später. Vertretungen bringen zwar eine große Vielfalt an Persönlichkeiten und Themen, machen es aber schwerer, das Eigentliche einer Gemeinde zu erkennen. So ist mein Eindruck St. Martinis der von großer Vielfalt und Offenheit.

Zudem gibt es bei St. Martini ein paar Eigenheiten, die mir die Kirche sympathisch machen. So wird das Kirchenschiff im Januar und Februar nicht beheizt, um das eingesparte Geld für die Gemeindearbeit im sozial etwas kniffligen Westlichen Ringgebiet verwenden zu können. Deshalb wird die Gemeinde an diesen Wintersonntagen bewegt: Der Gottesdienst beginnt im Kirchenschiff, die Predigt hören die Besucher in der beheizten Sakristei, das Abendmahl und die Gebete werden dann stehend im Altarraum zelebriert. Anschließend bleiben die Gemeindemitglieder noch länger zusammen und wärmen sich mit Tee, Kaffee und dem Universalkeks wieder auf. Mein Eindruck ist, dass es hier keinen besonderen Menschenschlag gibt, wie wir ihn später noch in anderen Gemeinden erlebten.

Was ich unbedingt noch in St. Martini erleben möchte, ist der Rosenmontags-Gottesdienst, bei dem die Besucher ihre Karnevalskostüme tragen. Aber vielleicht sollte ich es erst einmal schaffen, an einem normalen Samstag zur Marktandacht zu kommen …

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St. Petri

St. Petri, nur wenig weiter am Radeklint gelegen, fällt schon von weitem wegen seines absolut überdimensionierten Hahns auf dem Kirchturm auf. Von außen wirkt die Kirche etwas kärglich, innen angenehm warm und mit einer schöner Mischung von Altem und Modernem – wir fühlten uns gleich wohl. Beim Stöbern vor dem Gottesdienst stießen wir auf ein von den Gläubigen handgeschriebenes Neues Testament und manch Anderes aus dem wir schließen konnten, dass die Gemeinde lebendig ist.

Wir erlebten die Pfarrerin zweimal, sie machte bei ihren Gottesdiensten einen herzerfrischenden Eindruck. Als ich von einem älteren Kirchenmitglied beim gut besuchten Kirchencafé angesprochen wurde und erwähnte, dass ich auf der Gemeindesuche bin, holte er sofort ein Mitglied des Kirchenvorstandes damit er unsere Fragen beantworten konnte. Ich fühlte mich sogleich wohl, auch dass der Gottesdienst erst um 10.30 Uhr beginnt empfand ich sehr angenehm (wobei das eigentlich egal ist, weil ich zu jeder Uhrzeit auf den letzten Drücker aus dem Haus sause).

Die Gottesdienste hier wurden bald – wie mittlerweile in Braunschweig gewohnt – von Vertretungspastoren gehalten, was ja nicht weiter schlimm ist. Ein echtes Highlight war ein Gottesdienst mit einer Gruppe geistig Behinderter, geleitet von einer sehr engagierten Pastorin; ich wusste bis dahin gar nicht, dass es in Braunschweig eine eigene Pastorin für diesen Bereich gibt – Chapeau!

Aber als ich dann in der Zeitung las, dass die Pfarrerin die Gemeinde verlässt weil sie künftig als Regionalbischöfin in Suhl wirkt, empfand ich das denn doch ziemlich doof, weil ich mir St. Petri mittlerweile ein wenig als meine künftige Gemeinde ausgeschaut hatte.

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St. Ulrici

Ein ganz besonderes Erlebnis war der Besuch in St. Ulrici-Brüdern am Alten Zeughof, gemeinhin Brüdernkirche genannt. Von außen wirkt sie etwas unscheinbar, auch weil sie als Kirche des ehemaligen Franziskanerklosters keinen nennenswerten Turm hat. Sie fiel mir ehrlich gesagt wegen Ihrer Konzertplakate auf, die auf ein hohes Qualitätsverständnis schließen ließ. Arvo Pärt zum Beispiel bekommt man in Kirchen leider nur selten zu hören, auch Astor Piazzolla würde ich hier nicht vermuten.

Die Gottesdienstzeiten fand ich in der Braunschweiger Zeitung, um 10.15 Uhr sollte die „Hochmesse“ beginnen. Ich war etwas verwirrt da mir ein ähnlicher Begriff eher aus dem Katholischen bekannt ist, wo besonders feierliche Gottesdienste als Hochamt bezeichnet werden. So machten wir uns erwartungsvoll auf den Weg zu einem feierlichen evangelischen Gottesdienst, was ich als Luthersöhnchen ja nicht so häufig erlebe. Der erste Eindruck beim Betreten der Kirche war allerdings, einem katholischen Gottesdienst beizuwohnen: Der Priester trug ein grünes Messgewand und hatte zwei ältere Herren als Messdiener zur Seite – in dem gleichen Gewand, dass ich als Kind ebenfalls trug. Zudem gab es Kniebänke, auch das gehört in einer protestantischen Kirche nicht zum Standardmobiliar. Irritiert suchte ich nach den weiteren klassischen Ausstattungsmerkmalen katholischer Gotteshäuser, fand aber nichts dergleichen. Dafür stand oben Martin Luther auf dem wundervoll geschnitzten Lettner – er würde bei den katholischen Brüdern wohl keinen so prominenten Platz finden.

Eine Frau reichte uns freundlich ein Heft mit einer Gottesdienstordnung und liturgischen Texten, die wie bei einem katholischen Hochamt gesungen wurden. So auch das Glaubensbekenntnis, das unter anderem den Satz „Wir glauben an die heilige, katholisch-apostolische Kirche“ enthielt – ich war sehr, sehr irritiert.

Der Gottesdienst war überraschend gut besucht, und ich betrachtete möglichst unauffällig die Gläubigen, denn ich habe bei meiner Suche rasch gemerkt, dass diese in den einzelnen Gemeinden ziemlich unterschiedlich sein können. Zunächst sind in der Brüderngemeinde zwei Altersgruppen vorherrschend, denn jüngere und deutlich ältere Gottesdienstbesucher bilden das Gros. Vierzig- bis Fünfzigjährige sind kaum zu sehen, das ist in vielen Gemeinden anders. Bei der kleinen Umschau fielen mir auch zwei ältere Pfarrer ins Auge, die beide einen Kollar trugen, den weißen Stehkragen katholischer Priester.

Der silberhaarige Pfarrer war jederzeit sehr präsent: hoch gewachsen und stattlich, dazu mit lauter Stimme, sprach er mit großem Nachdruck. Seine klare Predigt war gut verständlich, ich konnte ihr gut folgen, obwohl ich sonst bei Predigten ab und an etwas einnicke. Was mich neben seiner Vortragsweise wach hielt, waren die Inhalte, deren Bogen weit gespannt war. So sprach er eine Reihe von Themen an, die bei Kirchens gerne übergangen werden, z.B. die oft dramatischen Christenverfolgungen. Kurz, die Predigt war lebendig und konservativ bis in die Knochen – ein sehr klares Statement, das wohl als gemeinsame Überzeugung der gesamten Gemeinde verstanden werden darf. Ich störte mich allerdings an der offensiven Abgrenzung zu anderen christlichen Kirchen, besonders amerikanische „Wellnesskirchen“ scheinen beim Pastor nicht so beliebt zu sein. Und ich dachte, dass auch hier die Sentenz von allen „Gliedern eines Leibes“ im 1. Korintherbrief geläufiger wäre.

Etwas überrascht hat mich bei den Abkündigungen die Bekanntgabe der Kollektensumme vom vorherigen Sonntag. Kommen in den Gemeinden normalerweise zwischen 40 und 60 € zusammen, so war es hier das Fünffache, alle Achtung.

Bei der nun folgenden Gabenbereitung kommt immer etwas Bewegung in’s katholische Leben, denn die Liturgie bringt einen Wechsel von Knien und Stehen mit sich, so auch hier, denn nur sehr wenige Gläubige standen dauerhaft. Recht außergewöhnlich dürfte für Protestanten der Weihrauch sein, der den Altar großzügig umwölkte. Ich habe ihn schon sehr lange nicht mehr gerochen und fühlte mich doch ziemlich angenehm in meine frühen Zeiten zurückversetzt.

Auch das Abendmahl entsprach ganz dem aus meiner katholischen Jugend Bekannten. Es wurde zuerst dem Priester, dann den Messdienern und zum Schluss der Gemeinde zuteil. Dabei knieten die Gläubigen auf einer Kommunionsbank, die weitaus meisten erhielten die Hostie direkt in den Mund, wobei Beides auch im Katholischen schon seit Jahrzehnten unüblich ist. Obwohl in unterschiedlichsten Liturgien und Ritualen recht erfahren, wusste ich nun rein gar nichts mehr einzuordnen. Und drehte nach kurzem Zögen und obschon fast an der Kommunionsbank angekommen, einfach wieder um.

Nach dem Gottesdienst, standen wir etwas unschlüssig herum, und nahmen gerne die mehrfach ausgesprochene Einladung zum Kirchencafé an, schließlich wollten wir wissen, was für eine Sorte Mäuse diese Gläubigen sind: katholische Protestanten oder evangelische Katholiken? Ein Kirchenvorstand half uns gerne weiter: Martin Luther wollte die katholische Kirche reformieren, eine Spaltung oder gar neue Konfession war keinesfalls beabsichtigt – er sah sich als Reformator. Seit dem Zeitalter der Aufklärung würde aber nun alles schief laufen. Da diese schon ein wenig her ist, fragte ich, ob die Ansichten und die liturgische Form dieser Gemeinde nicht zu Problemen mit der evangelischen Landeskirche führen könnten? Oh ja, da würde es immer mal wieder eng.

Der Kirchenvorstand wurde nicht müde uns alle Fragen offen zu beantworten, er führte uns sogar noch durch viel spannende Räume und den tollen Kreuzgang, schließlich verabschiedeten wir uns herzlich an dem sehr schönen Taufbecken voneinander. Der Sonntagvormittag und die Gläubigen waren sehr beeindruckend, aber meine neue Heimat sehe ich dort nicht. Mir gerät hier zuviel durcheinander, zudem liegt es mir nicht, auf die Fragen des Heute und Morgen lediglich Antworten von Gestern zu haben.

BS Kirchturm Andreas_09

St. Andreas

Nicht weit davon – ich weiß, das sagte ich bei den anderen Kirchen auch, aber es ist in Braunschweig wirklich so – liegt die Kirche mit dem hochsympathischen Namen St. Andreas. Ich kannte das Gebäude bereits von meinem Betrag über die Kirchtürme Braunschweigs und erinnere mich gerne der Hilfe eines Gemeindemitglieds bei unseren Recherchen.

So freute ich schon mich auf unseren ersten Gottesdienst dort. Alles war ordentlich, geradezu perfekt und die Predigt sehr gut aufgebaut – aber irgendwie wollte nichts wirklich hängenbleiben. Auch als ich mich umschaute hatte ich eher den Eindruck von „Glätte“, sogar die Gottesdienstbesucher schienen mir ein wenig elitär, ich sah überwiegend ältere Gläubige in teurer Kleidung. Ich war ein wenig verwirrt, denn das mich innerlich so gar nichts berührt, ist schon sehr selten. Meine künftige Gemeinde sah ich hier also leider nicht, zumal ich nach dem Gottesdienst nur wenige Gespräche wahrnahm, alles stob bald auseinander.

BS Christus-Kopf 05

St. Katharinen

Ich weiß nicht, ob die beiden Gemeinden St. Andreas und St. Katharinen nicht nur räumlich benachbart sind oder auch ein wenig mental. Ich erlebte hier das gleiche Phänomen wie zuvor – es blieb einfach nichts in der Erinnerung haften, nichts brachte mein Inneres zum Klingen. Mein Gedächtnis notiert einen Gottesdienst mit wunderbarer Chormusik und sonst leider nichts, das mich persönlich berührt hätte.

Vermutlich tue ich der Gemeinde mit nur einem Besuch Unrecht. Denn sie spielt auch eine Rolle in der äußeren Welt, zum Beispiel mit interessanten Jahresthemen oder den aktuellen Diskussionen zu Toleranz und zu Pegida. Auch an das überdimensionale Jesuskonterfei aus Holz des Bildhauers Magnus Kleine-Tebbe, das erst vor der Kirche und dann später vor dem Hauptbahnhof stand, erinnere ich mich gerne. Hier muss ich also noch einmal vorbei, und sei es um Abbitte zu leisten.

BS Dom Mariengärten 13

St. Blasii

Nicht allzu weit entfernt liegt St. Blasii, den meisten vermutlich nur als „der Dom“ geläufig. Wie es sich für einen Dom gehört, ist alles etwas Gehobener. Das merkte ich gleich beim ersten Gottesdienst weil ich mir etwas underdressed vorkam, denn hier herrscht die alte Sitte vor, dass man sich zum Gottesdienst gut kleidet. Eigentlich ist es ja zu begrüßen, wenn sich der sonntägliche Habit von dem des Alltags unterscheidet. Da können wir aus anderen Ländern viel lernen, zum Beispiel aus Bayern wo die Gottesdienstbesucher festlicher gekleidet sind – oder eben von der braunschweigischen Domgemeinde.

Und eine wirkliche Gemeinde scheint es zu sein, denn selten habe ich gesehen, wie häufig sich die Gottesdienstbesucher – und der Dom ist sonntags recht voll – gegenseitig begrüßten oder für ein paar Worte stehenblieben. Der Dom bietet viel, und ist überall in Braunschweig präsent, besonders in der Lokalzeitung, mit Vorträgen, Auftritten der Domsingschule, den samstäglichen Musikandachten und erstklassigen Predigten. Ich erinnere mich an brillante Aktionen wie der Anlage der Mariengärten innerhalb des Doms vor eineinhalb Jahren, oder der gestalterischen Vielfalt im Dom überhaupt – hier wird etwas geboten!

Andererseits, ist es das, was ich für mich als Gemeinde suche? Eher nicht. Ich schätze in meinem Beruf das Professionelle und Durchorganisierte ebenso wie das sehr Ästhetische und Perfekte. Für meine Vorstellung von Gemeindeleben reicht ein kleinerer Maßstab, ich brauche mehr das Miteinander sehr unterschiedlicher Menschen mit ihren Licht- wie Schattenseiten. Eben das Unperfekte, das Gott noch Suchende, und Menschen die nicht von sich glauben, ihn schon gefunden oder gar verstanden zu haben.

BS Kirchturm Magni_02

St. Magni

Rein architektonisch spiegeln sich meine Bedürfnisse sehr gut in St. Magni wider, der ältesten braunschweigischen Kirche. Sie wurde im Krieg schwer zerstört und wieder errichtet, jedoch ohne die schweren Wunden zu kaschieren oder einfach wegzurestaurieren. Genau das, was viele Braunschweiger bei der Wiedereinweihung 1964 störte, finde ich sehr gelungen: Altes wurde belassen oder gar entfernt, und Neues in komplett anderem, kontrastierendem Stil hinzugefügt. So hat die Kirche im Inneren viele unterschiedliche Ecken und Nischen mit wechselnden Ausblicken und Atmosphären. Von außen gibt es demzufolge eine nicht gleich sichtbare moderne Seite zu den Fachwerkhäusern hin, und eine die dem schönen historischen Bild entspricht, das sehr gut zur Umgebung und zum Platz passt. In der Kirche sind häufig Ausstellungen zu sehen, die die Vielfalt noch zusätzlich unterstützen.

Wir waren an einem Sonntag in den Sommerferien bei einem Gottesdienst in einem kleinen historischen Bereich neben dem Altarraum. Es waren nur wenige Gläubige anwesend und so konnten wir beieinander im Rund sitzen, wodurch der Gottesdienst eine angenehme Nähe erhielt. Das schöne Gegenteil von dem oft Anonymen, das entsteht, wenn sich die Gottesdienstbesucher weiträumig über das leere Kirchenschiff verteilen. Leider fehlt uns die Erfahrung eines „normalen“ Gottesdienstes in der gesamten Kirche, denn leider ist St. Magni schon eine Strecke von meiner Wohnung entfernt. Dafür liegt sie schräg gegenüber von meinem Lieblingscafé, das von einer äthiopischen Familie bewirtschaftet wird.

BS St. Jakobi 08

St. Jakobi

Räumlich ein wenig ab vom Schuss ist St. Jakobi. Ich weiß, dass es journalistisch unprofessionell ist, sich über Namen zu mokieren, aber dass der Gemeindepfarrer mit Nachnamen „Fromm“ heißt, ist doch einfach wunderbar, oder?

Das Kirchengebäude ist architektonisch komplett anders als alle anderen, schon wegen seines Alters, denn es ist mit rund 110 Jahren deutlich jünger. Architektonisch außen etwas eigensinnig, wirkt es innen ein wenig wie die Halle eines Vorortbahnhofs. Im Zusammenwirken mit den sehr langen Sitzreihen und dem sommerlich-spärlichen Gottesdienstbesuch kam ich mir etwas verloren vor. Die vorherrschende Innenraumfarbe ist ein etwas ärmlich und dumpf wirkendes Warmgrau.

Die meist älteren Gottesdienstbesucher zerstreuten sich gleich nach dem Gottesdienst, nur zwei Frauen unterhielten sich lange miteinander. Eine von ihnen kam zu uns herüber und schenkte uns zwei Äpfel aus ihrem Garten, auch der Pfarrer blieb auf einen kurzen Plausch bei uns stehen. Entgegen meinem Eindruck scheint es jedoch eine lebendige Gemeindearbeit zu geben, die wir bloß an diesem Sonntag nicht entdecken konnten. So hat St. Jakobi eigene Jugendräume, Familienfreizeiten sowie spezielle Angebote für Senioren und Frauen.

Bartholomäuskirche

Bartholomäuskirche

Eine Kollegin empfahl mir ihre eigene Kirchengemeinde, die Bartholomäuskirche in der Innenstadt. Das im Vergleich zu den anderen Kirchen recht kleine Gebäude liegt, um 1200 als Dorfkirche angelegt, etwas versteckt und unscheinbar, nahe dem Karstadt-Parkhaus. Die Gemeinde ist evangelisch-reformiert, das Kircheninnere ist dementsprechend eher karg, wirkt aber dennoch eigentümlich feierlich.

Wir waren noch nie bei den Reformierten – das evangelische Spektrum ist aber auch herrlich unübersichtlich! – und ich hatte den Eindruck, dass die Gottesdienstatmosphäre zum nüchternen Raumeindruck passte. Die Konzentration liegt sehr auf dem Wort, selbst die Liturgie wirkt auf das Notwendige reduziert, sodass mir der Gottesdienst eher wie das Treffen eines Intellektuellenzirkels vorkam.

Ein wesentlicher Kern des Evangelischen ist sicherlich das Wort Gottes – ein anderer Kern ist aber auch unsere individuelle Beziehung zu ihm. Und für mich gehört zu jeder Beziehung aber auch das Emotionale, das Unberechenbare, das Fehlende und Fehlerhafte, kurz, das Menschliche. Bei diesem Gottesdienst schien mir genau das ausgeklammert zu sein.

Kurioserweise erlebte ich unmittelbar danach das exakte Gegenteil, denn Alle blieben in oder vor der Kirche und redeten herzlich miteinander, keiner schien es eilig zu haben heimzukommen. Eine familiäre Atmosphäre, die ich aus meiner langen Zeit in evangelischen Freikirchen kenne und sehr schätze. Eine weitere Parallele zu den Freikirchen war, dass hier augenscheinlich alle gesellschaftlichen Schichten und viele junge Familien anzutreffen waren.

BS Aegidien 08

St. Aegidien

Eine kleine Besonderheit, sozusagen außerhalb der Konkurrenz in Bezug auf meine Gemeindesuche, ist die katholische St. Aegidienkirche nahe der Schlossattrappe. Ich bin, wie schon erwähnt, ursprünglich katholisch sozialisiert und durch eine frühe Klosterzeit bzw. die Hochschulgemeinde in Hannover Bestes gewohnt. So reizte mich ein Besuch bei St. Aegidien besonders, zumal ein Gottesdienst am Sonntagabend, quasi als Abschluss des Wochenendes, auch seinen Charme hat.

Wir waren von der Modernität des Gottesdienstes angenehm überrascht, besonders von einer Predigt, deren progessiv-liberale Thesen ich einem katholischen Gottesdienst nicht auf Anhieb vermutet hätte. Auch hier hatte ich den Eindruck, dass die Gemeinde regelrecht mitgeht und hinter jedem gesprochenen Wort stehen würde. Das eher offen Progressive scheint in der katholischen Welt noch nicht allgemeiner Standard zu sein, denn als wir einigen hannoverschen Benediktinern von dem Gottesdienst berichteten, errieten sie sofort, wer die Predigt hielt.

And the winner is …

Im vergangenen Jahr wurde immer deutlicher, dass ich mich zwischen den beiden benachbarten, und mir räumlich am nächsten liegenden Gemeinden St. Michaelis und St. Martini entscheiden würde. Ein Festlegen wurde nicht dadurch einfacher, dass sich beide Pastoren mitunter gegenseitig vertraten, so dass ich beide in der jeweils anderen Gemeinden erlebte (und danach in wehendem Talar in die andere Kirche hinübersausen sah).

Beim Pfarrer von St. Michaelis gefiel mir seine stark seelsorgerische Ausrichtung und der direkte Bezug zu seinen Gemeindemitgliedern und zur Nachbarschaft. Andererseits fürchtete ich, dass das Gemeindeleben so ausschließlich vom Sozialen geprägt wird, dass mir andere, ebenfalls wichtige Themen zu kurz kommen würden. Eine zu starke Sozialausrichtung droht schnell omnipräsent zu werden und kann die Lebenslust, die Neugier, die Offenheit für andere Themen schnell ersticken.

Die Vielfalt fand ich in St. Martini in stärkerem Maße, auch der muntere Umgang der Gläubigen nach dem Gottesdienst kommt mir sehr entgegen. Andererseits vermisse ich paradoxerweise ein wenig das Konstante, das für mich erkennbare Profil. Und etwas weniger Vertretung durch häufig wechselnde Pfarrerinnen und Pfarrer wäre auch prima.

Zu Jahresbeginn wollte ich endlich meine Entscheidung fällen und beschloss eines Sonntagmorgens, dass nun der Tag gekommen sei. Wir steuerten St. Martini an – und trafen dort auf den Pfarrer von St. Michaelis. Na, super! Und jetzt?

Weit davon entfernt, Gottesdienstpläne, oder besser gesagt Gottes Dienstpläne, in Frage zu stellen, freute ich mich, meinen künftigen Pfarrer anzusprechen. Letzte Woche führten wir ein herzliches Gespräch über meine Aufnahme in St. Michaelis.

Mögen unserem sehr fruchtbaren „Zug durch die Gemeinde“ noch fruchtbarere Gemeindejahre folgen.

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