Braunschweig im Original

Braunschweiger Originale

Braunschweiger Originale an wenig origineller Architektur.

Jede historische Stadt hat ihre „Originale“ und stellt sie als Identifikationsobjekte aus, das traditionsbewusste Braunschweig pflegt deren Ruhm besonders liebevoll.

Das ist insofern verwunderlich, weil die Originale der meisten Städte eindeutig nicht den aufgehübschten Bildern entsprechen, die vom modernen Stadtmarketing dargestellt werden. Die allermeisten Originale waren eher eigenwillige Käuze am Rande der Gesellschaft, bettelarm aber mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet. Den Nimbus des Besonderen haben sie durch ihre Andersartigkeit von der gutbürgerlichen Gesellschaft, einer gewissen Extrovertiertheit und spontanem sich darin aber treu bleibendem Handeln erworben. Solange sie mehr oder minder sympathische Figuren waren, die weder lokale Größen noch die Obrigkeit lächerlich machten, wurden sie geduldet oder waren sogar sehr beliebt.

Dazu trug bei, dass die Originale im lokalen Dialekt – der weit verbreiteten Sprache der einfachen Stadtbevölkerung – sprachen, oft mit großer Schlagfertigkeit und viel Mutterwitz. Sie trugen stark zur Unterhaltung ihrer Mitbürger bei, und bezogen sich, so sie Geschichten und Lieder zum Besten gaben, auf Eigentümlichkeiten oder aktuelle Ereignisse der Stadt und ihrer Bewohner. Die Lokalzeitungen und die stark zunehmende Fotografie mehrten den Ruhm der Verhaltensoriginellen zusätzlich, nicht jedoch deren Einkünfte. Viele der noch heute bekannten, wunderlichen Gestalten lebten in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, die meistens nicht die gelobten Goldenen Zwanziger waren. Für einen Großteil der Städter waren gerade die Zwanziger und Dreißiger von bitterer Armut, Inflation, verbreiteter Arbeitslosigkeit und politischen Unruhen geprägt.

Diesem typischen Bild in dieser Zeit entsprachen auch die Originale Braunschweigs, hier vor allem Tee-Onkel, Deutscher Hermann, Harfen-Agnes und Rechen-August. Die drei Letztgenannten haben sogar eigene Wikipedia-Einträge, aber es waren noch einige mehr, deren exzentrische Schrullen und ungewöhnlichen Talente ihnen oft aus der Not heraus das spärliche Überleben sicherten. Ich stieß auf die Vier durch ein überdimensionales Bild auf einer bemerkenswert unansehnlichen Hauswand rechts vom Rathauseingang, das die beliebtesten Originale in einer Fotomontage zeigt.

Am Bekanntesten ist in Braunschweig Harfen-Agnes, bei der das Skurrile schon mit dem Namen beginnt, denn sie ist auf allen Bildern nur mit ihrer mit Bändern verzierten Gitarre zu sehen, keiner Spur von einer Harfe jedenfalls. Die etwas eigenbrötlerische Bänkelsängerin trug bei Volksfesten, in Kneipen und manchmal sogar bei großbürgerlichen Festen ihre selbstverfassten, oft frechen, manchmal auch frivolen Lieder vor. Einige ihrer Lieder sind erhalten, das Staatstheater widmete ihr von 2005–2009 sogar ein eigenes Stück. Wie so oft bei städtischen Originalen der Unterschicht, wurde die eigenwillig gekleidete Harfen-Agnes oft gepiesackt und war wegen ihres leichten Schwachsinns eine leichte Beute des Pöbels. Ich hätte ja zu gerne gewusst, was sie über die Gestalt des neuen Rathauses gesungen hätte, an dessen Rückseite sie nun mit ihren ebenso skurrilen Zeitgenossen hängt.

Rechen-August kam wie fast alle Stadtoriginale aus dem einfachen Volk und erhielt wie dort seinerzeit üblich, eine sehr rudimentäre Schulbildung – war aber im Kopfrechnen ein Genie. Er hatte ein phantastisches Zahlengedächtnis und besaß die Fähigkeit, selbst komplizierte Rechenaufgaben ohne Hilfsmittel und in Sekundenschnelle zu lösen. Diese Gabe brachte ihn zwar in den Ruhm eines Wunderkindes, was ihm zunächst im Berufsleben nicht half, so hangelte er sich zunächst mit Gelegenheitsarbeiten durchs Leben. Zu späteren und glücklicheren Zeiten trat er überall in Deutschland in Varietés und großen Häusern auf. Dem mit einem Zylinder und einer Chrysantheme im Knopfloch elegant Gekleideten half sein Talent aber auch hier nicht in den praktischen Dingen, denn der gutgläubige Rechen-August wurde mehrfach um sein Honorar betrogen. Nahezu mittellos nach Braunschweig zurückgekehrt, löste er gegen ein Entgelt in Lokalen Rechenaufgaben die ihm die Gäste stellten. Auch trat er zuweilen mit Harfen-Agnes auf und genoss seine Popularität, die mit dem Nachlassen seiner Gesundheit und seines Genies zunehmend abflaute, was ihn in die Verzweiflung stieß.

Der Anblick des Deutschen Hermann hat etwas vom Hauptmann von Köpenick, allerdings in XXL: Der Deutsche Hermann – gelernter Scherenschleifer und Schirmflicker – trug eine Uniformmütze und einen etwas abgetragenen Gehrock, die in aberwitzigem Ausmaß mit Orden und Ehrenzeichen aller Art übersät waren. Die Gründe dafür werden sehr unterschiedlich dargelegt, sie reichen von der Kompensation eines Traumas über den Abbruch einer kurzen militärischen Karriere, oder den Schock über den Tod seiner Frau bis zur Veralberung des militärischen Pomp wilhelminischer Zeiten. Sein Stolzieren durch die Stadt und das Salutieren des Deutschen Hermann waren nicht im Geringsten martialisch, er galt als höflich, liebenswert und zuvorkommend. Die Obrigkeit allerdings wähnte sich der Lächerlichkeit preisgegeben, so wurde er in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen, dort aber als „unschädlich“ entlassen. In seinen letzten Lebensjahren sammelte der Deutsche Herrmann wohl organisiert Zigarettenkippen und Zigarrenstummel und verteilte sie getrocknet und gereinigt an Bedürftige. Sein Begräbnis war ein lokales Ereignis, denn viele Braunschweig begleiteten ihn einer Parade gleich auf seinem letzten Weg. (Ich habe ähnliches in Bonn erlebt, als 1978 ein sehr beliebter, Fuzzy genannter Tippelbruder zu Grabe getragen wurde und weit über tausend Bonner jeden Alters Abschied von ihm nahmen. Es war tief beeindruckend, ich sehe die Bilder noch heute vor mir.)

Der Letzte der vier bekannten Originale ist der Tee-Onkel, auch sein Name hat nichts mit seinem Handeln, genauer gesagt seinem Ambulanten Handel zu tun. Als ehemaliger Drogerie-Inhaber, dessen Ladengeschäfte aber nie wirklich gut liefen wurde er zum „Fliegenden Händler“. Der Tee-Onkel verkaufte fortan auf der Straße und an den Wohnungstüren das klassische Sortiment (außer Tee) aus einem Karton heraus den er stets auf seinem Arm trug – seinem Laden. Die Lokalpresse beschrieb seinerzeit das schier überbordende Materiallager in seiner Wohnung, der Zustand „überstieg alle normalen Begriffe um ein Bedeutendes“; heute würde man wohl schlichter von Krimskrams und einem Messie reden. Durch seine ständige Präsenz vor allem in der Altstadt, genoss der Tee-Onkel bei seinen Mitbürgern eine große Beliebtheit und Bekanntheit um die sich viele Legenden rankten.

Die letzte Person, die ich vorstelle, zeigt, dass es auch Originale gibt, die mit Mutterwitz und geschäftlichem Geschick der Armut entkommen können – häufig ist das jedoch nicht. Es geht um Otto Jeremias, von seinen Zeitgenossen auch „Ottchen“ genannt. Auch er wirkte als ambulanter Händler von Dingen mit mäßigem Gebrauchsnutzen, hatte aber kein festes Sortiment sondern verkaufte eben das, was sich preiswert erwerben und sich so flott wie gut wieder vertreiben ließ. Jedoch paarte Otto Jeremias jeden Verkauf mit viel Komik und humoristischen Einlagen, sodass sein Geschäft auch dann florierte als das Geld rapide an Wert verlor. Später führte er einen festen Betrieb nahe des Kohlmarktes und diversifizierte zudem, wie man heute so sagt. Sein zweites Standbein wurde ein kleiner Rummelplatzbetrieb mit Luftschaukel und Kinderkarussell, den Ottchen am Nussberg aufzog. Das erfreute Publikum zog er mit einer Trompete an und erwartete es in einem schon seinerzeit altertümlichen Gehrock und Monokel im Auge.

Heute – die Zeit macht alles schöner und freundlicher – begegnen uns die vier Hauptoriginale Braunschweigs von Zeit zu Zeit immer noch. Das Bild am Rathaus ist bereits erwähnt; wobei der unwirtliche Gang über dem es hängt, die Atmosphäre dunkler, enger und hässlicher Gassen der damaligen Zeit gut widerspiegelt. Gleich daneben, auf den Türgriffen des Rathauseingangs zeigen sich Harfen-Agnes und Rechen-August.

Auf meiner Recherche stieß ich zudem auf eine Serie von fünf Wolters-Biergläsern mit den städtischen Originalen. Und letzte Woche sah ich durch einen glücklichen Zufall ein geschmackvolles bibliophiles Objekt aus Büchlein, Postkarte, Faksimiledrucken und einer CD bei Borek. Das Glück steigerte sich noch, als die Verkäuferin anmerkte, dass ich wohl das letzte Exemplar erwischte. Borek vertreibt übrigens auch ein Sortiment an „Brunsvigensien“ – was es alles so gibt in Braunschweig!

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