Meinungen und Wissen – die Oberbürgermeister-Kandidaten im Test

Vor der Wahl stehend

Vor der Wahl stehend. (Foto: Karsten Jipp)

Am Freitag überraschte mich die Braunschweiger Zeitung durch eine gute Idee. Sie präsentierte einen Wahl-Navigator, bei dem die sechs Oberbürgermeisterkandidaten für die Wahl am 25. Mai befragt wurden. Und zwar anonym, so dass die Antworten nicht auf Anhieb einer Partei oder Person zugeordnet werden konnten, die Auflösung stand auf der folgenden Seite. Auf diese Weise erhielten alle Anwärter eine gleiche Chance, denn auch kleine Parteien bekamen mehr inhaltliches Gehör. Abgesehen von dem mir bisher unbekannten Verfahren, reizte mich, meine Außensicht als Neu-Braunschweiger mit der Binnensicht der „Braunschweigkundigen“ vergleichen zu können.

Nun waren die Themen durch die Zeitung und die sechs Kandidaten vorgegeben, mancher Bürger hätte sicherlich nach Anderem gefragt. Aber der Bogen war hinreichend weit gespannt, zu beantworten waren insgesamt 18 Fragen. Nach einigen eher klimatischen Aufwärmthemen wurde zu den Bereichen Regionsbildung, kommunale Finanzen und Privatisierung, Kinderbetreuung und Schule, Kultur, Umwelt, Verkehr, Wohnraum sowie Wirtschaft und Handel gefragt.

Interessant war, auf welchen Feldern die Kandidaten nahe beieinander liegende oder abweichende Positionen vertreten, denn sie sollen ja nicht nur ihrer Persönlichkeit halber, sondern auch für ihre Zukunftspläne gewählt werden. Ihre Tugenden und Eigenschaften beschreiben die Kandidaten so gleichlautend wie überraschungsfrei mit zuverlässig, ehrlich und offen. Ferner nehmen sie sich selbst als zielstrebig, durchsetzungsfähig, direkt und zugewandt wahr, auch seien sie alle humorvoll.

Die Interviewrunde begann mit einer Charakterisierung Braunschweigs, hier liegt die Runde ebenfalls nahe beieinander: Braunschweig – und somit die Braunschweiger – wird von dem Sextett überwiegend als freundlich, heimatverbunden und tolerant aber auch als ein wenig konservativ beschrieben.

Die meisten Aspiranten führen als ihre wichtigsten Ziele die Schaffung bezahlbaren Wohnraums sowie eines sozio-kulturellen Zentrums an. Auch bei den Vorzügen Braunschweigs herrscht weitgehend Einigkeit: Das Grün in der Stadt, ihre kurzen Wege, die Bedeutung als Forschungs- und Wissenschaftsstandort sowie die Familienfreundlichkeit.

Bei den Antworten auf die spezifischen Fragen gehen die Antworten naturgemäß stärker auseinander und so schälen sich drei Argumentationsmuster heraus:

  • Vier Kandidaten (A, B, C und F) liegen inhaltlich ziemlich nahe beieinander, sie fordern viel, möchten manches verändern und oder bereits Geschehenes zurücknehmen – sind dabei jedoch wenig zielgerichtet.
  • Kandidat E neigt eher zur vorherigen Bestandsaufnahme und Planung, ihr sollen maßvolle Veränderungen folgen, natürlich mit dem Vorbehalt der Finanzierbarkeit.
  • Hinter den recht allgemein gehaltenen Statements des verbleibenden Kandidaten D steht oft das Wort „statt“, gefolgt von dem was er partout nicht will. Er lehnt konsequent das ab, was die ersten Vier möchten, er gibt ganz den Opponenten und liegt damit ganz auf der Linie des jetzigen Oberbürgermeisters. Im Grunde genommen will er lediglich das Bestehende nahtlos und umfangreicher fortführen.

Die beiden Kandidaten E und D treten, das ist auch ohne die Auflösung unschwer zu erkennen, für die SPD und die CDU an.

Ich gehe hier den gesamten, zwei Zeitungsseiten umfassenden Frage- und Antwortkomplex nicht durch, das Interview ist in Gänze auf der Internetseite der Braunschweiger Zeitung zu lesen. Hier ist auch die Aufschlüsselung der Buchstaben A–F nach Kandidaten und Parteien zu sehen. Spannender finde ich, ob sich durch dieses Interviewformat wirklich eine Meinung bilden kann.

Das Problem ist, dass gerade die Oppositionsparteien recht vergleichbare Positionen haben, die sich aufgrund des knapp gehaltenen Interviewstils fast deckungsgleich lesen. Wird außerdem im Stil von „Politprosa“ geantwortet, ist eine Differenzierung schwierig. Nun sind aber die Leser durch die vorgegebenen Spielregeln gehalten sich für einen Kandidaten zu entscheiden, so bekommt nach und nach die Person mehr Punkte, die rhetorisch geschickter oder am umfassendsten formuliert.

Das führte bei mir zu dem überraschenden Ergebnis, dass ein Kandidat dessen Partei bei mir bisher nicht in die engere Auswahl kam, weitaus besser abschnitt als seine Mitbewerber. Also suchte ich nach einem objektiveren Modus und machte ich hinter jedem Kandidaten dessen Argumenten ich auch bei ähnlichen Antworten inhaltlich folgen mag einen Punkt. Nun relativiert sich der Vorsprung des einen Kandidaten rasch, das Bild wird in Bezug auf die vertretenen Standpunkte realistischer. Aber auch hier geht es mehr um die Bewerbermeinungen denn um ihr vorhandenes Wissen über dem Ist-Zustand Braunschweigs, auf dem ihre Ziele gründen müssten.

Interessant wird es also, wenn die Eindrücke des Interviews mit dem Wissen der Sechs über Braunschweig abgeglichen werden. Auch hier hilft uns die Braunschweiger Zeitung weiter, sie stellte den Kandidaten am 5. Mai in einem eher statistischen Quiz 21 Fragen.

Kandidat D lag auch hier bei seinen Antworten besonders oft daneben, er beantwortete viele Fragen falsch. Genauso Kandidat B, der beim Quiz erschreckend oft mit „Weiß ich nicht“ antwortete. Bewerber die so wenig über die Stadt wissen die sie regieren wollen, kommen für mich nicht infrage. Ein interessantes Bild ergab sich bei den Kandidaten, die sich vor allem auf den Gebieten Soziales, Verkehr und beim Haushalt stark machen: Ich war völlig verblüfft, dass ihr Faktenwissen wunderlicherweise in genau diesen Bereichen erstaunlich mäßig war. Aber auch hier machte der Bewerber den ich so gar nicht auf meinem Plan hatte einen eher guten Eindruck.

Den „Überraschungssieger“ schaue ich mir natürlich genauer an – allerdings auch seine Partei für die er antritt, das könnte ganz putzig werden. Etwas irritiert war ich darüber, dass der Oberbürgermeisterkandidat meiner eigenen Partei in der anonymen ersten Zählung (der nach dem KO-Prinzip) nur wenige Punkte von mir erhielt, dann aber beim Wissensquiz sehr gut abschnitt. Den müsste ich mir also auch noch ansehen bevor ich am 25. Mai mein Kreuzchen setze.

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