Ab wann Du weisst, dass Du Braunschweiger bist

Braunschweig überall und über alles

Braunschweig überall und über alles.

Begleiten Sie mich doch ein wenig auf einem kleinen Zug durch die Gemeinde, also durch Braunschweig. Und, da es heute Abend kalt draußen ist, machen wir das am Rechner und auf braunschweigischen Social-Media-Seiten, die ich ab und an besuche. Vielleicht bleiben Sie ja irgendwo hängen, das würde mich freuen.

Als fotografisch Interessierter ist meine erste Web-2.0-Anlaufstelle das mir wohl vertraute Flickr und für diesen Moment die Gruppe „Braunschweig, Germany“. Dort zeigen überwiegend ambitionierte Hobbyfotografen ihre aktuellen Werke, oft sind es die symbolhaften Orte Braunschweigs und der näheren Umgebung. Aber durch die gekonnte Fotografie, ungewöhnliche Perspektiven und Positionen und einigen Streetphotography-Situationen wird das schon Bekannte neu gesehen – hier ist es nie langweilig. Man tauscht sich in Flickr gerne über viele der hervorragenden Bilder aus, nicht wenige sind so gut, dass sie von anderen Fotografen als Favoriten gekennzeichnet werden, und dadurch wiederum auf deren Seiten erscheinen.

Eine weitere für mich zuweilen interessante Flickr-Seite ist Guesswherebraunschweig, auf der fotografierte Orte von Usern zu erraten sind. Leider ist hier mangels Gruppenmitgliedern deutlich zuwenig Resonanz, so dass mir der aus der entsprechenden Hannover-Gruppe vertraute Austausch und der Wettbewerb um den schnellsten Rateerfolg fehlen. Außerdem wohnt der eifrigste Poster gleich nebenan, wir kennen also die gleichen Wege und Orte.

Ebenfalls community-typisch verhält es sich bei den Braunschweig-Gruppen bei Google+. Erinnert Facebook in Bezug auf den Umgangston und den Austausch an eine Kneipe, ist Google+ eher mit einer Caféatmosphäre vergleichbar. Der Tenor ist ruhiger, die Themenfokussierung deutlicher, auch sind die Wortbeiträge oft länger. Ich bin in zwei Gruppen präsent (wenn auch momentan kaum aktiv): hier gibt es ein eher allgemein gehaltenes Braunschweig-Forum und wiederum eines für ambitionierte Fotoamateure. Hier ist die Frequenz angesichts der kleinen Gruppengröße nicht so intensiv, außerdem kennt man sich teilweise bereits über Flickr. Andererseits wurden über diese Gruppe schon gemeinsame Fototouren durch Braunschweig organisiert; an einer habe ich mit viel Spaß teilgenommen, die Bildergebnisse wurden anschließend online besprochen.

Vor einigen Wochen stieß ich durch Zufall auf die Facebook-Gruppe „Du weißt, Du bist Braunschweiger, wenn…“, hier herrscht das pralle Leben in allen facebook-üblichen Erscheinungsformen. Die Gruppe wächst rasant, seit dem Jahreswechsel gab es eine Verdreifachung auf circa 3.350 Mitglieder, was immerhin etwa 1,4 Prozent der Bevölkerung Braunschweigs entspricht. Die Mitgliederstruktur ist von außen nicht so einfach zu beurteilen, aber ich würde das Gros vom Alter her auf ca. 35 bis 50 Jahre schätzen, mit nur einem leichten Männerüberhang. In den Postings geben sich viele als Exil-Braunschweiger zu erkennen, die in Facebook ihr Heimweh und den Stolz auf ihre Heimatstadt äußern. Die Du-bist-Braunschweiger-wenn-Gruppe ist zwar eine geschlossene Gruppe, ihre bis zur Jahreswende geposteten Beiträge sind aber auch für Nicht-Facebooker sichtbar.

Das Spannende an dieser Gruppe ist für mich, dass anhand der Bild- und Wortbeiträge gut sichtbar wird, was die Braunschweiger mit ihrer Stadt verbinden und welche Geschichten sie erzählen. Das ist sehr viel breiter und lebendiger als das arg Gefilterte, was das glatte Stadtmarketing üblicherweise so über Braunschweig erzählt. Hier wird das schon mit dem geschickt gewählten Gruppennamen erzeugte Wir-Gefühl greifbar, es beruht großteils auf kollektiv Erlebtem, stadtbekannten Personen und Orten. Hier verbleiben wir etwas, denn in diesem Social-Media-Forum wird wunderbar sichtbar, was Braunschweig für die in dieser Altersgruppe hier Lebenden ausmacht.

Die meisten Beiträge vervollständigen den Gruppentitel „Du weißt, Du bist Braunschweiger, wenn…“ indem sie ein Bild oder eine Episode anhängen und zum Kommentieren auffordern. So werden zum Beispiel Bilder von Gebäuden und Orten mit dem Appell gepostet, etwas über deren damalige Nutzung zu erzählen. Hinzu kommen mitunter Stadtansichten der Fünfziger und Sechziger, alte Beschilderungen, fotografierte Getränkekarten oder Szenen aus Kneipen und von Konzerten aus den Achtzigern. Das scheint die persönliche Sturm- und Drangzeit der meisten Mitglieder zu sein, denn bei Themen aus dieser Zeit ist die Beteiligung besonders rege: Sobald Personen der jüngeren braunschweigischen Vergangenheit erwähnt werden oder zu sehen sind, werden vielfältige Erinnerungen und Erzählungen ausgetauscht. Die Kommentare verdichten sich dann gerne zu einem gemeinsamen und wohlig-erinnernden Schwelgen im Weißt-Du-noch?

Wenn eine Community wie diese sehr lebhaft ist, kommen bei den Inhalten schnell tagesaktuelle Erlebnisse und Diskussionen hinzu, manches erinnert ein wenig an Kurzmitteilungen und Kleinanzeigen, sogar ein Stellenangebot habe ich neulich gesichtet. Hier findet sich viel Interessantes, Menschliches und Allzumenschliches in jeder Bandbreite und Tiefen.

Bei klassischen Diskursthemen wie Städtebau (Das Schloss muss weg!) oder erst recht bei der Eintracht steigt die kenntnisarme Meinungsfreude, es wird schnell emotional und kraftvoll im Umgangston. Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell Manche auf den Jegliche-Manieren-überwinden-Modus umschalten, der gerne auf Mutmaßungen über die geringe Geisteskraft aller Anderen beruht. Die als Verteidigung beispielhaft zitierte Meinung „So eine Zickenrunde ist doch auch mal schön, passt doch zu Braunschweig“ mögen nicht alle teilen, die Ersten beginnen den Spaß am Forum zu verlieren. Was mich bei Web-2.0-Foren immer wieder fasziniert, ist die sich dort allmählich herausbildende Mini-Soziokultur, die sich in einem eigenen Insidersprech und -anspielungen zeigt – oft ohne dass sich die Beteiligten persönlich kennen. Hier ist davon noch nicht so viel zu spüren, vielleicht weil die Gruppe rapide wächst oder schlicht zu groß ist; ich bin gespannt, ob oder wie sich das hier entwickelt, weil sich die Braunschweiger ja schon per se als eigene Sorte Mäuse verstehen.

Die letzte Braunschweig-Seite bei Facebook, die mir im letzten Jahr häufiger auffiel heißt „Dinge, die ein Braunschweiger nie sagt“. Das Meiste dort war ziemlich witzig, tagesaktuell und gut geeignet, seine Meinung auf eine rasche Weise respektlos zu äußern. Ein paar Beispiele: „Die Weststadt ist ein hervorragender Ort, um meine Kinder großzuziehen“ oder „Der City-Point ist mittlerweile ein richtiges Shoppingparadies“ oder „Der Bohlweg ist wirklich optimal für Radfahrer“. Leider endeten die erfrischend unartigen Postings schlagartig, nachdem die Braunschweiger Zeitung über sie berichtete. Ob sich da wohl auf subversive Art ein kommentarwürdiger Zusammenhang konstruieren lässt?

Warum ich die Eintracht-Seite auf Facebook nicht erwähne? Nun, ich interessiere mich nicht die Bohne für Sportarten, deren Fans ziemlich dämliche Rivalitäten zu anderen Städten hegen und pflegen. Ach, Sie meinen, das hätte ich jetzt besser nicht geschrieben? Uuupps – so ein Pech aber auch!

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