Frankfurter Emissionen

Nächtlicher Sprechgesang

Der Gute-Nacht-Chor vom Frankfurter Platz.

Ich freue mich darüber, dass für heute Nacht schwere Regenfälle und Gewitter angesagt sind. Sie werden mir erlauben, trotz Blitz und Donner für eine Nacht gut zu schlafen.

Das liegt am benachbarten Frankfurter Platz, den ich wie alle Plätze in Wohngebieten liebe. Plätze sind Orte der Begegnung und Muße, Kinder spielen auf ihnen und bemalen sie weiträumig, Nachbarn halten dort einen Plausch, die Cafes und Trinkhallen sind gut besucht. Auch der vor einigen Jahren neu gestaltete Frankfurter Platz wird in diesem Sinne angenommen, es finden dort Sommerfeste statt, letzten Donnerstag begann hier eine größere Antifa-Demonstration mit einer Kundgebung.

Der Genuss wurde in den vergangenen Sommern an heißen Tagen durch einen starken Kloakengeruch beeinträchtigt. Aber auch dieses Problem wurde erst kürzlich durch eine umfangreiche Kanalsanierung zumindest eingedämmt, dadurch gewann der Platz weiterhin an Attraktivität.

Jedenfalls bis zum Einbruch der Nacht, denn nun wird er verstärkt zum Treffpunkt junger Menschen, die sich dort zu einer Art Wettbewerb in stimmlicher Überbietungskunst treffen. Regeln sind nicht einzuhalten, Hauptsache er wird mit steigender Lautstärke ausgetragen. Die Folge sind schlaflose Nächte für die Anwohner, selbst bei geschlossenen Fenstern.

Letzten Donnerstag muss es wohl einigen Nachbarn zuviel geworden sein. Ein Gruppe von etwa zwanzig jungen Menschen traf sich vor dem NP-Markt zu einer Demonstrationsnachfeier. Ihr Sit-In, bei dem der Alkohol die Dezibelwerte nach oben schnellen ließ, fand zwar an einer Ecke statt, die normalerweise Hunden als Zwischenstopp dient, aber das war im Dunkeln wohl nicht so gut zu erkennen.

Als ich um Mitternacht das Schlafzimmerfenster zum Lüften öffnete (ich hatte es zuvor trotz der Hitze wegen des Radaus geschlossen) sah ich, dass drei Streifenwagen um die Ecke bogen. Ein Polizist näherte sich der Gruppe und schlug ihr vor, auf den Abenteuerspielplatz eine Straße weiter umzusiedeln. Die Gruppe fand das Ansinnen zwar etwas eigenwillig, fügte sich aber. Auch der Bitte den Platz vorher noch von leeren Flaschen zu säubern, wurde entsprochen zumal eine junge Polizistin hilfsbereit Müllsäcke verteilte.

Gestern Nacht behaupteten etwa acht junge Männer die Schallhoheit mit einer so unglaublichen Lautstärke, dass beim besten Willen nicht an Schlaf zu denken war. Als sie um halb Zwei das Für und Wider von blauen Adidas erörterten, fragte ich gänzlich entnervt die nächstgelegene Polizeiwache, ob sie den jungen Leuten ihre Serviceleistungen von letzter Woche nicht auch anbieten könnten. Die Polizeibeamtin ließ mich wissen, dass die Wagen im Moment knapp seien und ich nicht damit rechnen könne. Dem war mindestens bis halb Drei so, dann fand ich meinen Schlaf.

Durch meine dort länger wohnenden Nachbarn weiß ich inzwischen, dass die nächtliche Knappheit an Einsatzfahrzeugen zunimmt, sobald der Frankfurter Platz genannt wird – die Freunde und Helfer scheinen kapituliert zu haben. Ich bin zugegebenermaßen ziemlich ratlos, denn dass einige wenige Radaubrüder eine ihnen an Zahl weit überlegene Nachbarschaft unbehelligt behelligen dürfen, ist für mich eine neue Erfahrung.

Meine Fantasien während der nächtlichen Zwangspausen sind umfangreich: Wie wäre es als Reaktion mit einem gleichzeitigen Nachtkonzert, beispielsweise mit einer Beethovensinfonie („Freude schöner Götterfunke“) aus starken Lautsprechern? Zu anspruchsvoll, dann lieber eine Vicky-Leandros-Nacht? Eine Pyjamaparty mit Modenschau und Pressebegleitung? Eine Polonaise von Schlafwandlern? Sprechgesänge oder Rednerwettbewerbe um Mitternacht? Lesungen mit Gutenachtgeschichten und einem abschließenden Gutenachtlied von Matthias Claudius („Der Mond ist aufgegangen“)? Ein lustiges Flaschen- und Kronkorkensammeln für die Kinder? Die Mülltüten stelle ich gerne, ich bin ein großzügiger Mensch. Deshalb darf die Polizei gerne mitfeiern, falls sie noch einen Wagen frei hat jedenfalls.

Haben Sie vielleicht noch eine Idee? Auch über Realistisches und Umsetzbares würden mich sehr freuen.

Na dann, gute Nacht Frankfurter Platz!

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