Vorurteilspflege

Blutiges Spiel mit dem Löwen

Schon im Schaufenster der Touristeninformation sichtbar: das blutige Spiel mit dem Löwen

Im Mai erreichte mich eine Anfrage des im hannoverschen Madsack-Verlag erscheinenden, nur auf dem iPad lesbaren „Sonntag“, ob ich für die Rubrik „Städtefeindschaften“ ein Interview geben würde. Der daraus erstellte Text ist eine recht freie Wiedergabe des von mir Gesagten, zugespitzter und polemischer, als ich es selbst sagen würde. Es ging bei der Ausarbeitung wohl nicht so sehr um den Ausgleich und das Abwägen – was immerhin den Lokaljournalismus beider Städte eint – aber der Kern ist noch erkennbar und so gebe ich das Interview hier wieder.

„Man pflegt seine Vorurteile“

Nachgefragt…

… bei Andreas Maxbauer, 53. Seit 1982 lebte der gebürtige Bremerhavener in Hannover. Vor bald zwei Jahren verschlug es ihn aus beruflichen Gründen nach Braunschweig. Den Wechsel nahm Maxbauer zum Anlass, den Blog „Seitenblicke auf Braunschweig – Kleine Beobachtungen eines Neu-Braunschweigers“ zu starten.

Beinahe drei Jahrzehnte lang haben Sie in Hannover gelebt, ehe Sie vor zwei Jahren nach Braunschweig gezogen sind. Hat man Sie nicht gleich zum Stadttor hinausgeworfen?

(lacht) Ich war natürlich nicht so dumm, mich gleich als Althannoveraner zu erkennen zu geben… Nein, im Ernst: Ich bin offen und kontaktfreudig und habe mich gleich ein paar örtlichen Gruppen angemeldet, bei einem Fotoclub und den Bogenschützen. Dort steht zumeist das gemeinsame Hobby im Mittelpunkt, nicht eine uralte Stadtfehde. Entsprechend einfach war es, vorurteilsfreie Kontakte zu knüpfen.

Also haben Sie von der traditionsreichen Rivalität beider Städte nichts zu spüren bekommen?

Im Alltag spielt die tatsächlich kaum eine Rolle. Die hiesige Zeitung und einige Offizielle kultivieren ihren Lokalpatriotismus allerdings schon sehr. Denen geht’s bei jeder Gelegenheit darum zu zeigen, wie toll und historisch bedeutend ihre Stadt doch ist. Ein bisschen gekränkter Stolz schwingt bei dieser Art Nabelschau stets mit, so als könnten sie nicht recht verknusen, das Braunschweig nicht mehr die mächtige Stadt Heinrich des Löwens ist.

War die – zumindest behauptete – Stadtfehde nicht auch Grund, ihren Blog „Seitenblicke auf  Braunschweig“ anzufangen?

Klar war das ein Antrieb. Ich habe mich natürlich gefragt, woher diese Rivalität kommt. Ob es womöglich daran liegen könnte, dass der Braunschweiger und der Hannoveraner zwei miteinander inkompatible Sorten Menschen sind.

Und?

Sie unterscheiden sich eigentlich überhaupt nicht voneinander. Und trotzdem gibt es diese gepflegten wechselseitigen Vorurteile. Das ist natürlich kein Hass bis aufs Blut, sondern ein Spiel, das zur städtischen Mentalität gehört. Geht man hier ins Kabarett, fällt irgendwann im Laufe des Abends ein abgestandenes Witzchen über Hannover. Umgekehrt ist das nicht anders. Na und?

Was sind für Sie die wesentlichen Unterschiede zwischen beiden Städten?

Zunächst habe ich deutlich gespürt, dass ich von einer großen in eine mittelgroße Stadt gezogen bin. In Braunschweig ist das Leben entspannter, gemütlicher. Das merkt man sogar an der deutlich langsameren Schrittfrequenz der Menschen in der Fußgängerzone. Sie bleiben zudem wesentlich öfter stehen, halten ein Schwätzchen. Das kenne ich in dieser Form aus Hannover nicht. Auch der Lärmpegel ist viel niedriger. Immer wenn ich nach Hannover komme, denke ich zuerst: Mein Gott, ist diese Stadt laut. Andererseits vermisse in Braunschweig das großstädtische Flair, dass sich in Hannover aufs Schönste an Orten wie der Markthalle zeigt.

Gibt es aus Ihrer Sicht Unterschiede in Sachen Fußballbegeisterung?

Ich bin ehrlich gesagt ein ziemlicher Fußballmuffel. Aber als visuell empfänglicher Designer, ist mir schon etwas aufgefallen: Meiner Wahrnehmung nach ist an einem Spieltag die Anzahl der Fanoutfits je Quadratmeter Innenstadt in Braunschweig um ein Vielfaches höher als in Hannover. Selbst die Busfahrer tragen gelb-blaue Eintracht-Schals. Keine Ahnung, ob das für mehr Begeisterung spricht. In jedem Fall haben die Braunschweiger Fans den eindrücklicheren Auftritt.

Liegt das womöglich daran, dass sich Braunschweiger lieber verkleiden – Stichwort Karneval?

Ich habe eine Zeit in Köln gelebt und schon deshalb eine gewisse Affinität zum Karneval. Klar, der Braunschweiger Karneval ist von den Dimensionen her eine ganz andere Hausnummer. In Hannover geht es wenigstens in diesem Punkt beschaulicher zu. Dennoch: Ausgelassen feiern können die Menschen hier wie dort.

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