Wechselnd und nach Bedarf

Apothekensterben 01

Am sehr kurzen Ende der Frankfurter Straße, neben der ich seit fast zwei Jahren wohne, gibt es eine bemerkenswerte Fluktuation bei den Ladenlokalen. Bemerkenswert nicht nur wegen der schnellen Frequenz, sondern auch der Gewerbeart wegen.

Das circa zweihundertfünfzig Meter lange Straßenstück beginnt vor meinem Haus am Gambit, einer Gastwirtschaft die ich sehr schätze. Ich kann spät abends noch draußen sitzen, dort treffen sich alle Arten von Menschen jeden erwachsenen Alters, das Essen ist recht ordentlich, die Preise sind es auch. Das Gambit ist eine feste und etablierte Größe, ein guter Treffpunkt in der Nachbarschaft. Diejenigen die ihr Bier lieber „ambulant“ trinken, treffen sich am gegenüberliegenden Frankfurter Platz, ab dem späten Abend gerne auch verhaltensoriginell und lärmend.

Auch am NP-Markt gegenüber ist ein beliebter Treffpunkt an dem Blaumänner jenseits der Vierzig gemeinschaftlich ihre Biere zischen, denn der davor stehende Stromkasten hat genau die richtige Thekenhöhe. Die nach Ladenschluss dort verbliebenen Kronkorken dienten schon mehrmals als pittoreskes Fotomotiv. Der NP-Markt ist praktisch für mich. Nur stört mich, dass die Ware morgens vor sieben Uhr angeliefert wird, lautstark und direkt unter meinem Schlafzimmerfenster. Der NP ist ein guter Grundversorger, sein Sortiment ist stark an den Bedürfnissen in der Umgebung orientiert. Lebensmittel die in besonderem Maße gesund oder fettreduziert sind, gehören kaum dazu.

An das Gambit grenzt ein Ladenlokal, von dem ich mir nicht einmal sicher bin, was bei meinem Zuzug drin war oder ob es bereits leer stand. Vor kurzem zog dort ein Kurierdienst ein, der jegliche Anklänge von Ästhetik sorgsam meidet. Dafür hat er einen großen, fast leuchtenden Vorhang in Gelb, meiner Lieblingsfarbe.

Direkt daneben war einmal ein weiteres, sehr kleines Geschäft, das wohl schon länger leer war. Die Eingangstür und das Schaufenster wurden vor drei Monaten kurzerhand zugemauert, dadurch wurde wohl eine der Erdgeschosswohnungen erweitert. Kurioserweise wurde das kleine Mäuerchen auf der Fensterinnenseite errichtet, so dass man es durch die Scheibe in seiner morbiden, also unverputzten Schönheit bewundern kann. Vermutlich nicht mehr so lange, denn jetzt lässt sich die Scheibe nicht mehr von innen putzen und wird im Laufe der Zeit eintrüben.

Im Nachbarhaus hält sich ein kleiner Dritte-Welt-Laden an die für sein Genre streng limierten Öffnungszeiten. Ich habe dort noch nie Kundschaft gesehen, gestern erblickte ich erstmals eine Frau als sie den Laden abschloss. Von Zeit zu Zeit sehe ich in dem Schaufenster kuriose Dinge, zuletzt einen kleinen Trupp goldglänzender und winkender Plastikkatzen wie man sie derzeit als chinesische Glücksbringer allenthalben findet.

Ein paar Schritte weiter schloss vor einem dreiviertel Jahr die Elch-Apotheke, eine echte, kleine Versorgerin für die Nachbarschaft. Nun hängt leider das übliche, anklagende Plakat zu den Folgen der Gesundheitsreform im Schaufenster. Zuvor lockerten dort possierliche Plüsch-Elche die klassische Apothekendekoration auf. Drei Straßen weiter hat unmittelbar darauf auch die Wilhelmitor-Apotheke aufgegeben, beide Läden stehen nun leer.

Der Elch-Apotheke gegenüber hat die Arbeiterwohlfahrt einen Bürgertreffpunkt mit einigen Sozialeinrichtungen. Von diesen gibt es in meiner Ecke etliche, besonders für Kinder und Jugendliche sehe ich im westlichen Ringgebiet ein breites Angebot an Spielplätzen, Kindergärten, Sport- und Tagesstätten. Sogar ein Kinder- und Jugendzirkus hatte in der Nähe vor vier Wochen eröffnet. Das ist in der Gesamtheit so erfreulich wie bedrückend zugleich, denn es zeigt mit seiner Fülle auch den offensichtlich großen Bedarf.

Ein paar Häuser weiter steht eine Gastwirtschaft die nach Gambrinus, dem Gott des Bieres benannt ist. Von außen ist es Fachwerk, von innen eine klassische und offenbar gut gehende Schankwirtschaft in der sich nach meinem Eindruck bodenständige Fußball- und Skatfans treffen. Oft schon am Vormittag und augenscheinlich in großer Regelmäßigkeit, denn man kennt sich gut und seit langem, auch durch den dichten Rauch hindurch. Ich war dort nach einem gerade gewonnenen Eintrachtspiel, die Stimmung und die Stimmen waren deutlich gehoben, es herrschte die helle Freude.

Einige Häuser weiter war bis vor zwei Wochen das Schreibwarengeschäft Lorenz, dessen Sortiment im Laufe der Zeit bis auf ein paar Mitleid erregende Relikte auf das eines Kiosks geschrumpft ist. Sein ungeordnetes Schaufenster mit verblichenen Zetteln und unnützer, alter Ware von geringem Gebrauchswert hielt irgendwann die verbliebene Kundschaft fern, so dass auch der verbliebene Warenbestand immer schütterer wurde. Der zunehmend freudlosere, asiatische Besitzer hat nun aufgegeben, jetzt steht in den leeren Räumen einsam ein verwaister Kaugummiautomat.

Eine Tür weiter ist der Salon einer türkischen Friseurmeisterin. Ich bin gerne ihr Stammkunde, die junge Inhaberin ist fröhlich kommunikativ und kompetent, eine Bündelung positiver Eigenschaften wegen der ihr Laden immer gut besucht ist. Ich kann nicht so recht unterscheiden ob es sich um gute Freundinnen, um Kundinnen oder eine Mischung von Beidem handelt. Ihre Preise sind niedrig, nach meinem Dafürhalten zu niedrig um dauerhaft davon leben zu können. Das müssen Andere anders sehen, denn in den beiden Jahren nach der Eröffnung wurde dort schon zweimal eingebrochen.

Dem Friseursalon gegenüber war eine große Gastwirtschaft. Offensichtlich zu groß: Letztes Jahr gab es dort eine Neueröffnung, doch waren in den weiten Räumlichkeiten so selten Gäste zu sehen, dass der Betrieb nach sehr kurzer Zeit wieder schließen musste. Nun ist hier nicht die Gegend für ein großes Restaurant und Schankwirtschaften gibt es schon reichlich. Nach dem Auszug wurden die Räume verkleinert und noch für ein paar weitere Monate von einem Verein genutzt, in dem sich türkische Männer zum reden, kartenspielen und fußballschauen trafen. Jetzt sind die Scheiben zugeklebt – ein weiterer Leerstand auf der Frankfurter Straße.

Auf der anderen Straßenseite befindet sich die Fahrschule Abgefahren. Ich kann nicht sagen wie gut sie läuft, immerhin sind dort ab und zu Fahrzeuge vor der Tür zu sehen, meistens in der zweiten Reihe stehend.

Das Nachbargebäude ist das Eckhaus zur Luisenstraße, an dem ein ungenutzter Tag-und-Nacht-Briefkasten verrät, dass dort mal eine Bankdependance war. Dann zog eine Schlecker-Filiale ein, an den Scheiben klebte noch bis vor kurzem der Schriftzug „For you. Vor Ort“. Für das typische Kleingewerbe in meinem Viertel hat der Laden zu viele Quadratmeter, für ein größeres Geschäft sind es jedoch zu wenig. Seit vorgestern werden Regale aufgebaut und Stoffballen in ihnen gelagert.

Über mangelnde Kundschaft kann der Betrieb gegenüber nicht klagen, es ist eine Video-Buster-Filiale. Dort sind immer Menschen zu sehen, besonders spät abends und am Wochenende. Ich konnte auch nach langer Suche nichts finden, das nur halbwegs meinem Filmgeschmack entspricht – was in dem recht einseitigen DVD-Sortiment die Kundschaft anspricht, will sich mir nicht erschließen.

Alles in allem scheint es so, dass in meiner Nachbarstraße überwiegend die Läden aufgeben mussten, die Nützliches führen oder Artikel für den täglichen Gebrauch. Dafür halten sich dort eher Betriebe, die dem Schönen oder der nachbarschaftlichen Unterhaltung dienen, gerne bei einem oder mehreren Bierchen. Na dann, wohl bekomm’s!

4 Antworten zu “Wechselnd und nach Bedarf

  1. die besten Geschichten schreibt das Leben, aber die besten Geschichten über die besten Geschichten schreibt Maxbauer.

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  2. Die einen nennen es „einseitiges Videosortiment“, die anderen „Spezialisierung“ 😉

    Während ich las, suchte mein Einnerungs-Assoziations-Hirnstück für Dich „Englishman in New York“ heraus. Die Klarinette (oder war es ein Sopran-Sax? Ich bin nicht so firm mit den Bläsern, als alte Saitenintrumentlerin) untermalte den Spaziergang durch die „Bilder einer Ausstellung“ hervorragend.

    Danke sehr für einen schönen Sonntag-Spaziergang.

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  3. Sehr schöner Beitrag! Die Texte lassen sich super lesen und als Braunschweiger bekommt man gleich einen ganz anderen Blick auf seine Stadt. Das soviele Apotheken schließen ist , ist leider auch eine Folge des Medikamentenhandels im Internet.

    Viele Grüße aus Bruanschweig

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