Hänschens Lehre

Foto: „Tafeldienst“ von Jack Simanzik.

Foto: „Tafeldienst“ von Jack Simanzik.

Ein Kollege konstatierte neulich eine große Bildungsbürgerlichkeit bei mir. Ich nehme das mal als Kompliment – schon weil es nicht so gemeint war – denn eine breite Allgemeinbildung ist ein hohes Gut für mich. Ich lerne und lehre umfassend und gerne, so studiere ich emsig das Volkshochschulprogramm sobald es auf dem Markt ist. Der teilweise lädierte Ruf der Volkshochschulen ist mir herzlich egal, denn hier begegnen sich Wissen und Leben, wobei mal das Eine, mal das Andere obsiegt.

In meinen eineinhalb braunschweigischen Jahren habe ich schon einige VHS-Kurse besucht. An anderen hingegen habe ich nicht teilnehmen können weil sie entweder ausfielen, weil ich nicht den richtigen beruflichen Status habe oder den für eine Fortbildung falschen Chromosomensatz (den sogenannten kleinen Unterschied).

„Fotografie für Fortgeschrittene“ war mein erster Kurs an der hiesigen Volkshochschule, für den Dozenten übrigens auch. Genauso einte uns die Erkenntnis, dass „fortgeschritten“ offensichtlich ein so unscharfer Sammelbegriff ist, dass sich Allzuviele davon angesprochen fühlen. Die Größe, Qualität und Ausstattung der mitgebrachten Kameras stand bei etwa einem Drittel der Teilnehmer in einem krassen Missverhältnis zu ihrem Wissen und ihrer Erfahrung. Dummerweise waren es aber genau diese Teilnehmer, die dann die Mehrheit mit Fragen aufhielten, die bereits in einem Anfängerkurs geklärt sein müssten. Das ist ein Manko, das viele VHS-Kurse betrifft, nur war hier das Ausmaß schon erstaunlich hoch.

Unser Dozent schlug sich trotz seiner manchmal spürbaren Verzweiflung wacker, auch als er von einem Teilnehmer, bei dem nicht nur die Bilder unterbelichtet waren, sehr unfair und penetrant angegangen wurde. Hätte der Dozent geahnt, was auf ihn zukam, hätte er vermutlich sein Programm weniger umfangreich angelegt. Was mich wirklich irritiert, ist, dass der Kurs weiterhin unverändert angeboten wird, obwohl das Ziel nicht so ganz erreicht wurde – es war einfach zu ambitioniert. Dennoch haben mir die Abende und Wochenenden Einiges gebracht, denn ein schlummerndes Fotoprojekt wurde in Angriff genommen, und an meinen Wänden hängen endlich auch eigene Bilder.

Bei meiner zweiten Berührung mit der VHS ging es ebenfalls um Fotografie, denn der Volkshochschule ist seit Urzeiten eine Fotogruppe angeschlossen ((Link?)). Sie trifft sich wöchentlich im Photomuseum zum Austausch und für die Planung mancher gemeinsamen Projekte. Ich staune hier immer wieder: Über das fotografische Können und Wissen, über die Bandbreite des Mitgebrachten, über die Offenheit gegenüber „den Neuen“ trotz langjährigen Zusammenhalts. Besonders die Kommunikationskultur ist im Wortsinne vielseitig und erinnert mich an eine Großfamilie: manchmal reden alle gleichzeitig und in einem Tonfall nebeneinander, der durchaus familiär zu nennen ist. Die Mittwochabende sind immer wieder inspirierend und abwechslungsreich, fachlich wie menschlich – es ist wirklich schade, dass ich nur so selten teilnehmen kann. Da die Fotogruppe eine Einrichtung der Volkshochschule ist, werden ihre Bilder unter anderem im großen VHS-Gebäude in der Heydenstraße ausgestellt, derzeit hängen dort fünfzig Bilder zum Thema Wasser, auch von mir ist etwas dabei.

Es ist überraschungsfrei, dass mein dritter Kurs ebenfalls mit Fotografie zu tun hatte, genauer gesagt mit PhotoShop, denn hier war einfach ein Wissens-Update fällig. Wir besuchten den Wochenendkurs zu zweit und mit unterschiedlichen Fertigkeiten in PhotoShop. Wie hoch der Wissensstand der anderen Teilnehmer war, wussten wir nicht, denn es kam gar nicht so sehr auf sie an. Die Kursleiterin spulte ihren Stoff so professionell und unpersönlich ab, dass es auch ohne Teilnehmer prima funktioniert hätte. Bei der Masse an Lehrveranstaltungen die sie an der VHS gibt, geht es aber wohl kaum anders. Uns wurde viel gezeigt und wir haben genügend von jenem „Bildhaften“ gemacht, das man keinem Kollegen zeigen kann ohne den eigenen Ruf zu riskieren. Das Seltsame ist, dass ich an diesen beiden Tagen trotz eifrigen Mitschreibens überwiegend Teflon-Wissen erworben habe, denn es ist nur wenig bei mir hängen geblieben. Das finde ich bei aller Professionalität eigenartig, das ist mir zuvor noch nicht passiert.

Auch dieser kleine Blog hier hat indirekt mit einem Volkshochschulkurs zu tun, wenn auch mit einem hanno­verschen. Um diese Website vor allem mit Fotos und Videos weiter voranzubringen, buchte ich einen WordPress-Kurs. Der Trainer war nicht nur fachlich kompetent, was bei allen besuchten Kursen ohnehin der Fall war, sondern er ging auch auf die spezifischen Bedürfnisse der Teilnehmer/innen ein. Wir waren nicht sehr zahlreich, erst neun, später nur noch fünf Blogger. Kurioserweise hatten lediglich zwei von uns überhaupt Vorstel­lun­­gen vom Bloggen; das ist insofern bemerkenswert, weil sich die Anderen im Internet und mit seinen grundlegenden Techniken gut auskannten. Egal, die Anmeldungen der prospektiven Bloggerinnen haben den Kurs ja erst ermöglicht. Ich lernte dort viel. Unter anderem, dass mir die geplante, eigenhändige Portierung zu einem anderen Webhoster so wenig Freude machen wird, dass ich sie aus dem Haus gebe, eventuell an den VHS-Trainer. Vielleicht schlage ich einen Deal vor, denn seine Visitenkarte offenbart Schwächen, die ich locker beheben kann.

In diesem Jahr war die erste VHS-Begegnung ein eintägiger ebay-Kurs. Ich bin zwar ein langjährig erfahrener Bieter, habe jedoch keinerlei Verkaufserfahrung. Und ich möchte bald das teure Lager, in dem große Teile des alten Designbüros eingemottet sind, aufgeben. Die anderen circa zwölf Kursteilnehmer hatten Ähnliches vor, meist war es der aufzulösende Haushalt der Eltern oder der Verkauf einer alten Porzellansammlung.

Schon der Kursbeginn gestaltete sich ziemlich eigenwillig. Es gab von Seiten mehrerer Teilnehmerinnen Beschwerden über die nicht gut funktionierende Heizung. Der hilfreiche Beitrag des Kursleiters bestand im Wesentlichen darin, über den Beamer eine Website zu zeigen, auf der er den VHS-Geschäftsführer umkringelte, die Prokuristin zweimal durchstrich und die Sekretärin ebenfalls einkreiste: „Schreiben Sie ihm eine Mail, die hier ist nicht mehr dabei und der Sekretärin können Sie ja auch mal etwas mailen, die freut sich.“ Ach, so geht das hier also! Die Heizung wurde in der Frühstückspause repariert und als es mollig warm war, ging die Hauptbeschwerdeführerin, vermutlich wurde es ihr zu heiß.

Im Großen und Ganzen ging der Kursleiter auf die Wünsche seiner Teilnehmer ein, mehrmals jedoch kam ein rüde vorgetragenes „Das sage ich jetzt nicht“. Diesen Satz bekam vor allem eine kommunikationsfreudige Teilnehmerin zu hören, die von rein gar nichts eine Ahnung hatte. Sie wusste auch nicht so recht was sie dort wollte, konnte sich aber immerhin schwach entsinnen, vor etlichen Jahren mal einen ebay-Account angelegt zu haben. Am Wertvollsten war für mich ein in diesem Kurs gezeigter Button, mit dem man die Ergebnisse vergleichbarer Auktionen aus der Vergangenheit sehen konnte. Ich gab sogleich einige der zum Verkauf gedachten Artikel ein um zu erfahren, dass der Aufwand den Ertrag deutlich übersteigt. Das allein hat die Teilnahme gelohnt, denn nun werden wir die Büromöbel an Studierende verschenken, statt sie mit hohem Aufwand erfolglos ins Netz zu stellen. Und sogar etwas Geld gibt mir die Volkshochschule wieder zurück: Die Beschwerde über den kühlen Raum führte dazu, dass ich eine Gutschrift über 15 Euro erhalten habe – alle Achtung!

Der nächste Tageskurs, der der Vertiefung meiner grundlegenden Skype-Fertigkeiten dienen sollte, fand nicht statt. Leider war ich der Einzige der nichts davon erfuhr, was ich aber vermutlich nicht der VHS sondern der Post anlasten muss. Der Rückweg aus dem Schulgebäude in meinen nunmehr kursfreien Samstag führte mich an Stellwänden mit weiteren Kursangeboten vorbei. Hier wurden für mich richtig spannende Seminare offeriert, viele darunter sind recht fachspezifisch und durchaus für unseren Berufsstand geeignet. Da ich aber von Geburt an ein Mann bin, bleibt mir die Teilnahme versagt. Ich kann durchaus verstehen, dass es Lehrangebote gibt, die nach Geschlechtern getrennt werden. Bei einigen Seminarinhalten wie der aktuellen CreativeSuite will es sich mir jedoch nicht so recht erschließen. Die Beschränkung ist für mich insofern verwunderlich, weil etliche dieser Kurse nicht ein weiteres Mal für die Allgemeinheit angeboten werden. Kann es sein, dass sie vielleicht nicht so kostendeckend laufen und daher über die Fördermittel quersubventioniert werden? Hm, hm, hm. Das Meiste der mir in Braunschweig versagten Kurse wird allerdings an der Volkshochschule Hannover gelehrt, dann lasse ich mein Schulgeld eben dort. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit der Durchführung dort größer und der Cola-Automat und ich kennen uns nun schon ein paar Jahre.

Eine weitere Zugangsbeschränkung stellt in Braunschweig die berufliche Ausübung dar. Obwohl ich an der Evangelischen Fachhochschule eine einjährige, sehr sinnvolle und umfassende Weiterbildung für Lehrende genossen habe, kann eine partielle Auffrischung nicht schaden. Die Volkshochschule in Braunschweig bietet derartiges an, aber nur für ihre eigenen Kursleiter. Auch hier kann ich gut verstehen, dass diese in eigenen Veranstaltungen unter sich sein möchten und sich austauschen wollen. Als Ärgernis empfinde ich es jedoch, dass diese Weiterbildungen dennoch in den normalen VHS-Katalogen publiziert werden, zumal dadurch der Eindruck entstehen könnte, dass „die es wohl nötig“ hätten. Das muss sich die VHS-Leitung auch gedacht haben, denn unter dem Nischenangebot steht ein grafisch hervorgehobener Hinweis auf die hohe Qualifikation der Lehrenden. Das kann ich als „heimlicher Kollege“ bejahen, wenn man von dem ebay-Kurs absieht (wo das Fachliche jedoch sehr gut war). Das schwankende Vorwissen und die Persönlichkeitsstruktur einzelner Teilnehmer sind problematischer.

An den Volkshochschulen zeigt sich, dass Hans sehr wohl noch lernen und lehren kann, was ihm als Hänschen entgangen ist. Auch in Bezug auf die für kurze Zeit und bei einem Thema zusammentreffenden Charaktere sind die Volkshochschulkurse das pure Leben. Ich freue mich schon auf das lange Wochenende zur Stimmbildung im September, kurz vor der Bundestagswahl. Dann werden Zweitstimmen besonders hoch im Kurs stehen.

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