Xavers jadegrüne Bratpfanne

Zufällig Koalition alter und neuer Plakate

Zufällige Koalition alter und neuer Plakate

Die Endphase des Landtagswahlkampfs wird nun dank der Plakate auch in Braunschweig sichtbar. Bis sie bei uns ankam hat es ein wenig gedauert, weil sich die Parteien in Braunschweig darauf verständigt haben, erst nach den Weihnachtstagen mit der Plakatwerbung zu beginnen. So hingen bis vor etwa zwei Wochen nur die Plakate der Linken und der Piraten in der Stadt. Letztere wollten mit ihrer Wahlwerbung den Konsum kritisch hinterfragen, das aber ginge nur während des vorweihnachtlichen Einkaufsrummels (was ich mit der etwas eigenwilligen Logoverfremdungs-Kampagne ein wenig weit hergeholt finde).

Über Großplakate verfügen fast nur die CDU und die SPD, sie finden sich entlang der Zufahrtsstraßen, während in der Innenstadt und in den Wohngebieten mächtig viel aber kleinformatig plakatiert wird. Dort sind fast nur steckbriefartige Portraits zu sehen, oft hängen zwei oder drei Plakate übereinander, offenbar scheinen die Laternenpfähle in Braunschweig knapp zu werden.

Inhalte werden in diesem Wahlkampf bei den großen Parteien kaum sichtbar, denn es gibt in Braunschweig nur wenig Themenplakate. Die meisten der gestalterisch perfekten aber langweiligen Anschläge kenne ich überwiegend aus Hannover, hier jedoch ist die Themenvielfalt bei der SPD und den Piraten deutlich größer. Sie sind im Designtagebuch zu sehen, dort werden sie vom Kollegen Achim Schaffrina en detail besprochen.

Die CDU zeigt fast ausschließlich David McAllister im landesväterlichen Gespräch mit seinen Bürgern; dabei geht es um die Bildung und um die Sicherheit, hier unterhält sich DER RICHTIGE mit Senioren. Die Bilder sind so stark bearbeitet, dass sie an die Retuschekunst altsowjetischer Zeitungen erinnern.

Für Bildung ist die SPD natürlich auch, immerhin hat sie mit der versprochenen Abschaffung der Studiengebühren etwas Konkretes anzubieten. Auch sonst ist sie thematisch breiter aufgestellt: Sie plakatiert ihren Willen Frauen nach vorne zu bringen und der Ausbau von Kitas ist auch im Portefeuille. Gerechtere Löhne verheißt die SPD ebenfalls, wobei mir der landespolitische Bezug nicht klar ist. Den Landtagen in Deutschland bleiben nicht mehr so viele Tätigkeitsfelder und Entscheidungsspielräume. Die Löhne gehören nur bei den landeseigenen Mitarbeitern dazu, aber die sind vermutlich nicht gemeint. Alles das sieht der Braunschweiger kaum, denn die dazugehörigen Themenplakate sind hier deutlich seltener zu sehen als in Hannover.

Die geringen Möglichkeiten der Landespolitik scheinen sich bei den kleinen Parteien noch nicht überall herumgesprochen zu haben: Sie propagieren zwar fleißig ihre überraschungsfreien Schwerpunkte, die aber mit niedersächsischer Landespolitik so rein gar nichts zu tun haben. So wirken ihre Plakate für alle Arten an Wahlkämpfen universell konzipiert, ein Niedersachsenbezug ist jedenfalls sehr selten dabei.

So möchte die Linke mit ihren aggressiv gestalteten Plakaten, die mich an Erpresserbriefe erinnern, die Löhne und Renten retten. Witzig ist, dass die gegen die Banken wetternde Sahra Wagenknecht mit viel Feingefühl für den passenden Ort, nämlich gleich vor der Commerzbank nahe des Bankplatzes, plakatiert ist. Für Bildung ist die Linke auch, geht schon klar.

Die FDP fordert ultimativ „Schluss mit Schulden“, so, als säße sie nicht seit zehn Jahren in der Landesregierung. Außerdem verknüpft sie auf einem Plakat ihre Forderung den Euro zu retten, mit der nach bezahlbarem Strom. Nennen Sie mich ruhig begriffstutzig, aber ein Zusammenhang will sich mir auch nach längerem Nachdenken nicht erschließen. Na egal, bei der Eurorettung haben die Bundesländer ja ohnehin nicht mitzureden und bei den Strompreisen nur sehr begrenzt. Ein weiteres FDP-Plakat befasst sich mit der Bildung, man ist jetzt nicht mehr so ganz überrascht.

Die Einzigen, die ihren Fokus komplett auf landespolitische Themen richten, sind die Grünen. Bei der Entsorgung, bei Windenergie, bei Tierhaltung und bei der Familienförderung bewegen sie sich in Gebieten, auf denen eine Landesregierung durchaus Handlungsspielräume hat und klare Akzente setzen kann. Das gilt natürlich auch für die Bildung; die Grünen sind dafür. Ihre Plakate sind in Bezug auf ihre Inhalte themengerecht und stilistisch passend gestaltet, und in dieser Hinsicht die in meinen Augen einzig anspruchsvollen in diesem Wahlkampf.

Die schon erwähnte „Logokampagne“ der Piraten scheint mir von landespolitischen Themen völlig losgelöst zu sein, die sind wohl nicht so spannend für die Partei. Auch sonst bleiben ihre Schwerpunkte eher kryptisch nebulös, die Plakate sollen wohl eher Stimmungen statt konkreter Inhalte transportieren. Dafür wird auf das Parteiprogramm verwiesen, vermutlich geht es dort auch um Bildung. Immerhin dokumentiert die fremde Logos kapernde und verfremdende Kampagne den etwas freieren Umgang der Piraten mit den Urheberrechten. In Hannover ist übrigens eine wesentlich lebendigere, besser gestaltete und thematisch breiter gefächerte Plakatierung zu sehen als in Braunschweig.

Die meisten Wahlkampagnen helfen mir keineswegs bei meiner Entscheidung, was ich am kommenden Sonntag wählen soll. Bei den Plakaten beschleicht mich das Gefühl, dass Inhalte im neuen Landtag wohl nicht so wichtig sein werden, mit Ausnahme der Bildung natürlich. Dafür wird die Wahl selbst von den Medien zu einer Art Bundestagswahl light hochgejazzt, was der niedersächsischen Landtagswahl noch weniger gerecht wird.

Ein Auswechseln der Slogans durch Blindtexte wäre vermutlich ebenso informativ, dafür aber unterhaltsamer. Grafik Designer verwenden dafür gerne Mustersätze die das ganze Alphabet enthalten, „Franziska quält an jedem Werktag vollendet Bach per Xylophon“ zum Beispiel oder „Oh, welch Zynismus, quiekte Xavers jadegrüne Bratpfanne“. Genau! – ich mache es wie Xaver und wähle eine jadegrüne Bratpfanne! Hauptsache, sie ist gebildet.

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