Losgelöst von Zeit und Raum

Neujahsansprache 2013 des OB

Die Neujahsansprache 2013 des Oberbürgermeisters Dr. Gert Hoffmann.

Neujahrsansprachen sind eine Teilmenge der allgemeinen Politprosa, insofern sind sie bloße Momentaufnahmen, die nicht allzu ernst genommen werden sollten. Dennoch werden in ihnen die großen Zeit- und Raumkoordinaten in denen sich die Redner bewegen sichtbar. So auch in der Neujahrsansprache unseres Oberbürgermeisters Dr. Gert Hoffmann, die als Film auf der Internetseite der Stadt zu sehen ist.

Es gibt in der Ansprache – das ist in Braunschweig überraschungsfrei – eine starke historische Komponente, die schon im Vorspann sichtbar wird. Der kleine Film beginnt mit einem Kameraschwenk über das alte Braunschweig, außerdem sitzt der Oberbürgermeister vor einer alten dunklen Bücherwand à la „Mooreiche rustikal“. Die in ihr stehenden Folianten zeugen von tradierter und aufwändiger Buchbinderarbeit, manche erinnern mich an die grün-goldenen Karl-May-Bände meiner Kinderzeit. Auch der obligate Löwe ist dabei, er steht hell leuchtend im Regal und hat den Redner fest im Blick.

Auch die unmittelbare Zukunft Braunschweigs wird von der vermeintlich bürgerlich-heilen Welt des Gestern bestimmt: DAS umfangreich zu feiernde Ereignis in diesem Jahr wird die einhundert Jahre zurückliegende Hochzeit von Victoria Luise mit Ernst-August sein. Dass die Kaisertochter ihren Welfenprinzen gar nicht hier sondern in Berlin heiratete, ist jetzt mal nicht so wichtig. Ich kann mir den mit historischen Kutschen zelebrierten Umzug, auf dem bebrillte alte Herren in noch älteren Uniformen herumstolzieren, schon lebhaft vorstellen. Hätte das hochadelige Paar nicht Ende Mai geheiratet, ließe sich dieser Mummeschanz vielleicht mit dem Karneval zusammenlegen, denn hier hat Braunschweig viel Kompetenz vorzuweisen.

Natürlich hat Braunschweigs Zukunft noch mehr zu bieten, hier führt Gert Hoffmann zuerst den möglichen Aufstieg der Eintracht in die erste Bundesliga an.

Die zweite, die räumliche Komponente ist ähnlich überzogen: Unser Oberbürgermeister beginnt seine Ansprache in getragenen Worten damit, wie schrecklich es in der Welt, in Europa und in Deutschland zugeht. Und er erwähnt, dass es den meisten von uns im letzten Jahr deutlich besser gegangen ist. Womit er gottlob recht hat – es ist durchaus richtig und wichtig, diesen Aspekt ins Feld zu führen und zu einer persönlichen Rückschau anzuregen. Auch dass der Stadt im letzten Jahr Katastrophen erspart blieben und dass es ihr in mancherlei Hinsicht sogar richtig gut ging, ist eine deutlich hörbare Nachricht wert.

Bei Gert Hoffmanns Satz jedoch „In ganz Deutschland richten wir den Blick wieder einmal auf Braunschweig und seine große Vergangenheit“ scheint mir, als wären die vier Pferde der Brunsviga mit ihm durchgegangen. Denn Braunschweig ist – abgesehen von mancher Binnenwahrnehmung und einigen herausragenden Einzelleistungen – nicht der Nabel der Republik. Und Braunschweigs historische Bedeutung vergrößert sich ganz bestimmt nicht durch eine Trauung, die vor einhundert Jahren in Berlin stattfand.

Wie gut, dass gerade der Landtagswahlkampf in die warme Phase kommt, denn dadurch fallen solche inhaltlichen Nullsätze gar nicht weiter auf.

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