Geschichte zum Anfassen

Foto: Andreas Maxbauer

Neben ihrer reinen Parlaments- und Verwaltungsfunktion dienen Rathäuser vor allem der Repräsentation, das ist wohl überall auf der Welt so. Sie sollen vom Status einer Stadt künden, von ihrer Macht, ihrer Größe oder ihrer Tradition bzw. Fortschrittlichkeit. So nimmt es nicht Wunder, dass viele von ihnen mit ihren Kuppeln und Türmen wie Schlösser oder Burgen daherkommen, schließlich ist man ja wer und der Bürgerstolz zeigt sich gern. Manchmal lohnt sich ein genauerer Blick auf die schmucke Fassade, denn einige Rathäuser erzählen dort ihre Stadtgeschichte in Geschichten, zum Beispiel durch Statuen oder Reliefs ihrer Stadtgründer oder -väter.

Dass sich Till Eulenspiegel vom gründerzeitlichen Rathaus blickt wusste ich bereits, auch die notorischen Löwen nebst ihren Lindwürmern entdeckte ich an einer Torausfahrt. Vor ein paar Tagen bemerkte ich noch eine kleine Serie von Zeugen Braunschweiger Historie. Angelockt durch zwei gänzlich leere Informationskästen („Was möchte uns Braunschweig damit sagen?“) neben dem Haupteingang, fiel mein Blick auf deren Türgriffe. Es sind drei, aus Bronze gegossene Paare, voller lebendiger Erzählungen und Anspielungen. Obwohl ich den etwas eigenartig trockenen Humor der Braunschweiger liebe, war ich überrascht, denn so etwas hätte ich eher in Köln erwartet, aber nicht hier am Sitz einer staubtrockenen niedersächsischen Kommunalverwaltung.

Die insgesamt sechs, von Siegfried Neuenhausen geschaffenen Türgriffe demonstrieren die starke Rolle des Braunschweiger Bürgertums, naturgemäß spielt auch die Wirtschaft eine Rolle. Des Weiteren erhalten einige städtischen Originale hier ihren Platz – es ist Geschichte zum Anfassen im Wortsinn.

Beginnen wir mit der linken der drei Eingangstüren. Links oben auf dem linken Türgriff ist Till Eulenspiegel zu sehen, gut erkennbar an seiner Narrenkappe und dem Spiegel, den er den Bürger gerne vorhielt. Es ist zwar nur eine literarische Figur, die jedoch in Braunschweig angesiedelt ist. Selbstherrliches und damit meistens verblendetes Bürgertum lässt sich aber überall wunderbar vorführen – je stolzer sie sind, desto größer der Spott.

Darunter ist ein Bund Spargel zu sehen, Braunschweig war ab circa 1850 im damaligen Deutschen Reich eines der Hauptanbaugebiete für Spargel. Das hing vor allem mit der für Braunschweig wirtschaftlich bedeutenden Konservenindustrie zusammen, denn zwei Drittel der Gemüsekonserven Deutschlands wurden hier produziert. Natürlich ist der Braunschweiger Spargel weit und breit der Beste – das ist klar, so wie in den meisten anderen Spargelanbaugebieten auch.

Was das Siegel unten rechts darstellt, kann ich leider nicht en detail erkennen, es könnte vielleicht ein Wappen mit Stadttor und Löwen sein.

Der rechte Türgriff zeigt Harfen-Agnes und Rechen-August, zwei der vier bekanntesten Braunschweiger Originale. Auch wenn sie heute liebevoll in Ehren gehalten werden, so lebten sie bis in die Dreißiger Jahre in sehr einfachen Verhältnissen am Rande der städtischen Gesellschaft. Harfen-Agnes gab als Bänkelsängerin in Braunschweigischem Platt ihre selbst gedichteten, manchmal frivolen Lieder in Gastwirtschaften und Festen zum Besten. Der ansonsten eher schlichte Rechen-August löste binnen Sekunden komplizierte Rechenaufgaben im Kopf und wurde damit für kurze über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. Ich werde noch über sie und die anderen Stadtoriginale einen eigenen Eintrag schreiben.

Oberhalb von Rechen-August wird das Gewandhaus am Altstadtmarkt dargestellt, heute ist es der Sitz der Industrie- und Handelskammer.

Was das Bündel Kräuter in der Mitte mit dem vierblättrigen Klee zu bedeuten hat, weiß ich leider nicht.

Foto: Andreas Maxbauer

Kommen wir zur mittleren Tür. Auffallendstes Motiv auf dem linken Türgriff ist ein Mann mit einem Becher Mumme. Die Braunschweiger Mumme ist ein je nach Brauart schwach bis stark alkoholisches Bier, dessen Entstehungsgeschichte rund 600 Jahre zurückreicht. Aufgrund seiner eigenwilligen Mixtur war es lange haltbar und damit der wichtigste Exportartikel der Stadt. Das dunkle, etwas süßliche Bier wird heute noch in Braunschweig verkauft, und ist ein beliebtes Mitbringsel. Kommendes Wochenende wird in der Innenstadt wieder die alljährliche Mumme-Meile mit etlichen Verkaufsständen stattfinden, ich freue mich drauf.

Mein größtes Steckenpferd, die Fotografie, hat ebenfalls mit Braunschweig zu tun und ist links unten sichtbar. Braunschweig beheimatete mit Voigtländer und Rollei zwei renommierte Traditionsunternehmen der Fotoindustrie, die jedoch über mehrere Konkurse in andere Unternehmen aufging. Beide sind noch als Handelsmarken auf dem Markt, Voitgländer für hochwertige Objektive, Rollei eher für Consumerprodukte.

Rechts neben der Balgenkamera ist ein Feld mit zwei Reitern und dem Schriftzug „Zinnfiguren“ sichtbar. Es weist darauf hin, das Braunschweig ein Zentrum der Zinnfigurenproduktion war, das seine Blütezeit im 19. Jahrhundert hatte. Gemeint sind die zahllosen liebevoll und detailliert bemalten Figürchen, mit denen sich vortrefflich Schlachten aber auch bürgerliche Familienszenen nachstellen und -spielen lassen.

Auch bei diesem Türgriff bleibt ein Rest offen: Welche Rolle die drei etwas exaltiert wirkenden Personen und die Katze spielen, weiß ich leider nicht. Vielleicht haben sie auch einfach nur zu tief ins Mumme-Glas geschaut. Wobei die Figur links unten eine Mütze trägt, die sehr nach einer Narrenkappe ausschaut, was eine Bezugnahme auf Braunschweig als Karnevalshochburg sein könnte.

Der rechte Türgriff wird – wie Braunschweig überhaupt – stark durch das Löwenabbild dominiert, vermutlich gibt es hier mehr Löwen als in der Serengeti. Der Löwe ist überall und in allen denkbaren und undenkbaren Zusammenhängen zu sehen. Diese Kombinationen können manchmal so aberwitzig sein, dass es dazu einen eigenen Blogartikel gibt.

Der Herr unterhalb des Löwen ist der Mathematiker Carl Friedrich Gauß, der in Braunschweig aufwuchs und auch nach seinem Studium einige Jahre dort lebte. Obwohl er aus einem eher einfachen Elternhaus stammte, wurde sein Talent rasch erkannt und mit herzoglicher Unterstützung gefördert.

Das Rätsel dieses Türgriffs ist die erhobene rechte Hand, die Wellen rechts daneben könnten Feuer darstellen. Was Beides bedeutet kann ich (noch) nicht sagen, aber dass hier jemand seine Hand ins Feuer legt, ist ja wohl kaum gemeint.

Foto: Andreas Maxbauer

Bleibt noch die rechte Tür des Rathauseingangs. Auf dem linken Türgriff schaut eine Meerkatze zur Eule rechts von ihr. Sie beide spielen eine Hauptrolle in einer der bekanntesten Till-Eulenspiegel-Geschichte. Das tierische Paar wird von mehreren Braunschweiger Bäckereien als Backwerk angeboten und ist auch sonst öfters sichtbar, besonders auf dem Eulenspiegel-Brunnen am Bäckerklint.

Die untere Hälfte nehmen die „ehrlichen Kleiderseller zu Braunschweig“ ein. Dabei handelt es sich um traditionsbewusste Bürger, die 1859  zueinander fanden um für ein noch zu gründendes Braunschweiger Heimatmuseum Gegenstände der Kultur- und Heimatgeschichte zu sammeln. Nachdem das Städtische Museum eröffnet war, wurde die Gesellschaft allmählich zu einer prominent besetzten Stammtischrunde – bis heute, womit die Braunschweiger Kleiderseller einer der ältesten Stammtische Deutschlands sein dürften. Dargestellt werden sie hier auf dem Kleiderseller Weg, ihrem gemeinsamen wöchentlichen Spaziergang zu einer Schenke nahe Riddagshausen.

Die Eule auf dem rechten Türgriff wurde soeben geschildert, auch der Dom hinter ihr bedarf wohl keiner weiteren Schilderung.

Unterhalb der Eule wird auf die Gilde der Gerber und Schuhmacher verwiesen, die sich später nach ewigem Streit in zwei Gilden teilte. Ich habe keine Ahnung, was das so Besondere an ihnen ist, dass sie hier verewigt wurden. Die Schuhmacher-Innung feierte zwar vor zwei Jahren ihr 750-jähriges Bestehen, auch gab es seinerzeit 700 Schuhmacher in Braunschweig – aber ob das für einen Türöffner reicht?

Makaberer, bedeutender und belegbarer ist die Szenerie rechts unten. Der abgeschnittene Kopf gehörte dem Braunschweiger Notar und Bürgerhauptmann Henning Brabandt, der 1604 als Revolutionär gemeinsam mit einigen Anhängern auf dem Hagenmarkt geköpft und gevierteilt wurde.

Alles in allem erzählen die Türgriffe von Auf- und Niedergang, von Genüssen, von Originalen und Bürgern statt von Herzögen und Bürgermeistern. Es ist doch schön, wenn uns drei Paar Türgriffe nicht nur den Zugang zum Rathaus sondern auch zur Heimatgeschichte öffnen: „Bitte einzutreten!“.

2 Antworten zu “Geschichte zum Anfassen

  1. Danke, Andreas. Ein sehr informativer Artikel. Auch in Bremen gern gelesen.
    Ist denn der/die KünstlerIn der Griffe bekannt? Dann könnten sich die restlichen Fragen noch aufklären…

    Liken

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