Braunschweig und Hannover, eine Reflexion – dritter und letzter Teil

Die Fassade von Peek & Cloppenburg spiegelt sich im New Yorker.
Foto: Andreas Maxbauer

Es gibt zwischen Braunschweig und Hannover eine intellektfreie Rivalität, die zuweilen bei Gesprächen thematisiert und in Graffities sichtbar wird. Mit ihr beginnt der letzte Teil dieser vergleichend-subjektiven Trilogie über beide Städte, gefolgt von Betrachtungen des Lokalpatriotismus und der Lokalpresse. Enden wird diese kleine Serie mit ein paar Wahrnehmungen über die Braunschweiger und Hannoveraner als solche.

Die Rivalität zwischen Hannover und Braunschweig ist oft spürbar und wird hier wie dort gerne und immer wieder thematisiert, besonders von Fußballfans. Die Liebe der Braunschweiger zu ihrer Eintracht ist deutlich evidenter als die Zuneigung der Hannoveraner zu 96. An vielen Straßenbahnen klebt großflächige Eintracht-Sponsorenwerbung großer Unternehmen, manche Handwerker fahren blau-gelbe Werkswagen mit dem Vereinslogo. Ein derartig umfassendes Pendant ist in Hannover kaum auszumachen, hier sind die 96-Farben fast nur an Spieltagen sichtbar. Ich habe den Eindruck, dass die Begeisterung der Braunschweiger über ihren Verein von der gesamten Bevölkerung getragen wird, unabhängig von ihrem sozialen Status. In Hannover beschleicht mich oft das Gefühl, dass die 96-Anhängerschaft eher vom lokalen Establishment geprägt wird.

Wie so oft im Inhalt primitiver als in der Ausfertigung.
Foto: Andreas Maxbauer

Fußball lebt nun einmal von der Rivalität und darauf basierenden, merkwürdigen Haltungen und Riten. Meinem Empfinden nach wird diese Gegnerschaft in Braunschweig stärker gefühlt und gelebt als in Hannover. Nicht nur in dieser Hinsicht ist der latente, von Konkurrenz geprägte Lokalpatriotismus beider Städte geist- und nervtötend. In Braunschweig zum Beispiel wird ebenso klagend wie gern erwähnt, dass Hannover vorgezogen wurde und immer noch wird – aber niemand fragt nach dem Wieso, Weshalb, Warum. Dieses Empfinden benachteiligt zu werden, ist so dumpf wie bequem – aber auch nützlich, denn es vertieft wiederum das Wir-Gefühl. Andererseits blockiert ein manifestes Opfergefühl die eigene Weiterentwicklung, das ist bei einzelnen Menschen nicht anders als bei großen Bevölkerungsgruppen. In Hannover hört man mitunter ebenfalls brunzdumm Dissonantes, aber den Meisten dort ist das alles ziemlich egal, sie betreiben die Rivalität eher spielerisch oder stehen ihr schlicht gleichgültig gegenüber.

Es ist die Art von Gleichgültigkeit, die in einer komfortableren Position gegründet ist. Ich merke das zuweilen bei Freunden, die eher erwarten, dass ich sie in Hannover besuche als dass sie selbst nach Braunschweig kämen – dabei ist die Entfernung auf den Zentimeter gleich groß, unabhängig von welcher Seite aus sie bewältigt wird. Führe ich sie jedoch durch die Innenstadt Braunschweigs oder einen der zahlreichen Parks, sind sie sehr angetan und erstaunt, es läuft meistens auf ein „Ach, ich hätte nicht gedacht, dass Braunschweig so schön ist“ hinaus. Ein wenig wohlwollend und gönnerhaft schulterklopfend natürlich, wie es sich für „echte Großstadtbewohner“ gehört. Stopp! Verhalte ich mich jetzt so, wie ich es gerade einen Absatz zuvor bei Anderen kritisiert habe?

Auf den zweiten Blick bemerkt man überall in Braunschweig die leuchtend blau-gelben Landesfarben – Braunschweig war für einige Jahrzehnte innerhalb des Deutschen Reichs ein eigenes Land. Das blau-gelbe Lokalkolorit im Wortsinne ist oft an Wohngebäuden auffallend, ebenso auf Broschüren, Plakaten und Schildern und bei den Eintracht-Devotionalien natürlich. Bei den Stadtfarben gibt es übrigens bei Hannover und Braunschweig eine Gleichheit, bei Beiden sind es Rot und Weiß.

Von majestätisch bis putzig – der Löwe ist in Braunschweig überall.
Foto: Andreas Maxbauer

Vor allem ist es der Löwe der in Braunschweig immer und überall präsent ist. Es gibt ihn in Stein gemeißelt, in Bronze gegossen, aus Folie für Logos und Wappen aller Art geschnitten, aus Plüsch und sogar als Löwentee. Der Löwe ist die omnipräsente Identifikationsfigur für braunschweigische Vereine und das lokale Gewerbe, wobei die Qualität der grafischen Darstellungen eher den Tatbestand der Tierquälerei erfüllt. Hannover hat kein echtes Wappentier, somit bleibt ihm auch ein Maskottchen erspart (wenn man von Ballerkalle absieht, dem absonderlichen Schießscheiben-Männchen, das immer zum Schützenfest hervorgekramt wird).

In Braunschweig wird der Lokalpatriotismus stark von der Braunschweiger Zeitung genährt, er ist fast schon ihr Raison d’être mit dem sie ihr Auskommen zu sichern sucht. Das Farbklima der Zeitung ist blau-gelb und in ihren Überschriften kommen recht häufig die vereinnahmenden Worte „wir“ und „unser“ vor. Besonders bei unpopulären Entscheidungen niedersächsischer Behörden wird ungern auf den Hinweis verzichtet, dass sie in Hannover sitzen. „In Hannover wurde entschieden“ lautet die Formulierung in der Zeitung selbst dann, wenn die nüchterne Sachlage so gar nichts mit der Stadt Hannover direkt zu tun hat.

Die Hannoversche Allgemeine Zeitung ist wahrlich kein Leuchtturm des Qualitätsjournalismus, ich habe mich häufig und viele Jahre über sie geärgert. Besonders wenn sie kampagnenartigen Journalismus betreibt oder selbst Themen lanciert um sie danach hochzujazzen, war ich mehrmals kurz davor das Abonnement zu kündigen. Aber man hat bei ihr zumindest das Gefühl, über internationale und überregionale Themen gut informiert zu werden. Auch nimmt die Lokalpolitik großen Raum ein, sehr zum Unterschied zur Braunschweiger Zeitung, wo sie eher einer Marginalie gleicht.

In der Braunschweiger Zeitung überwiegt ansonsten das Lokale sehr, der Rest der Welt kommt auf der Titelseite weit weniger vor, auch auf den Folgeseiten ist seine Präsenz mäßig. Ich fragte kürzlich bissig, was die Zeitung wohl machen würde, wenn etwas Wichtiges in der Welt geschehen würde, wenn etwa in China ein Sack Reis umfallen würde, nur um ein Beispiel zu nennen. Eine Kollegin erwiderte, dass der Sack Reis nur dann eine Chance hätte in die Zeitung zu kommen, wenn er in Braunschweig umfallen würde – dann jedoch richtig und mit großem Aufmacher. Für mich ist das Blatt eine reine Lokalzeitung und gehört nach meinem Dafürhalten genau dort hin, nämlich ins Lokal.

Mit Freundlichkeit kommt man weiter.

Ein freundlich reflektiertes Statement.
Foto: Andreas Maxbauer

Der Hannoveraner an sich steht in Deutschland in dem Ruf, der perfekte Durchschnittsbürger zu sein. Er selbst sieht es natürlich eher so, dass er von der Welt nur nicht richtig wahrgenommen wird, aber er kann damit ganz gut leben. Schließlich stellt Hannover seit ein paar Jahren eine Menge an bundesweiter Prominenz, zum Beispiel Margot Käßmann, Gerhard Schröder, Philip Rösler, Carsten Maschmeyer, Lena, Christian – und seit ein paar Wochen – auch Bettina Wulff.

Braunschweiger werden von außen hingegen eher so gesehen bzw. dargestellt, dass sie sich gerne abschotten, geradezu obstinat sind und dass sich der Umgang mit ihnen etwas schwierig gestaltet. Das kann ich nicht bestätigen, denn ich habe die weitaus meisten Braunschweiger bisher als offen und kommunikativ erlebt. Ich habe schnell Kontakt gefunden, zum Beispiel bei Veranstaltungen und Empfängen, in Bildungseinrichtungen oder in dem Fotoclub den ich seit einem Jahr besuche. Ob daraus vielleicht einmal Freundschaften erwachsen, kann ich noch nicht sagen, aber ich bin da sehr optimistisch. Und schließlich liegt das ja auch an mir selbst.

Braunschweiger sind sehr hilfsbereit und gerne zu Auskünften oder gar einem Schwätzchen bereit, ob beim Einkaufen, im Café, im Taxi oder einfach nur so. Das habe ich zum Beispiel bei meiner Suche nach einer Kirchengemeinde so empfunden; nach den Gottesdienstbesuchen folgte oft noch Einladung auf einen Kaffee, meistens begleitet von einem netten Plausch mit Gemeindemitgliedern. Gestern stand ich nach einem John-Cage-Konzert allein an einem Stehtisch, da lud mich eine ältere Dame vom Nebentisch ein, mich zu ihrer Gruppe zu gesellen; so ergab sich ein interessantes Gespräch über das soeben Gehörte. Was mich wirklich beeindruckt ist die Freundlichkeit der Braunschweiger, die größer und herzlicher ist als ich es oft in Hannover erlebe. Nun ist es ja genau das, was Heimat ausmacht – das Gefühl unter ähnlichen Menschen zu sein, die ein Interesse am Gegenüber haben und sich ihm mitteilen. Was meine Zukunft in Braunschweig betrifft, bin ich auch in diesem Punkt durchaus hoffnungsfroh.

Eine Antwort zu “Braunschweig und Hannover, eine Reflexion – dritter und letzter Teil

  1. Ein kleiner Nachtrag, zur Ehrenrettung der Braunschweiger Zeitung: Gestern berichtete sie tatsächlich umfangreicher über das Geschehen in der Welt und sogar die Lokalpolitik fand einen angemessenen Raum. Na bitte, geht doch!

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