Braunschweig und Hannover, eine Reflexion – zweiter Teil

In Hannover spiegelt sich die Traditon aber nicht so klar wie in Braunschweig.

In Hannover spiegelt sich die Traditon – aber nicht so klar wie in Braunschweig.
Foto: Andreas Maxbauer

Wer von einer Großstadt in eine kleinere Stadt übersiedelt merkt, dass es zwar gemütlicher und gemächlicher zugeht, dass aber auch einige Begleiterscheinungen des großstädtischen Ambientes entfallen. Im zweiten Teil dieser subjektiv vergleichenden Trilogie geht es um die Gastronomie, um die Menschen die in Braunschweig und Hannover leben, um Kultur und Architektur.

Ich merke den Größenunterschied der beiden Städte in Braunschweig vor allem in den Kleinigkeiten des Alltags. Zum Beispiel fehlen mir die Markthalle und andere kleingastronomische Einrichtungen, etwa die zahlreichen kleinen Italiener, die in Hannover quasi um die Ecke liegen. Wer morgens um halb Acht einen Cappuccino oder ein Parmaschinkenbrötchen zum Frühstück haben möchte, geht in Braunschweig schlicht leer aus. Auch die Bagel- und Suppenläden oder die kleinen arabischen Imbisse Hannovers vermisse ich in Braunschweig wirklich. Allerdings finden sich hier mehrere, hervorragende türkische und indische Restaurants, die sehr gut und mit viel Aufwand kochen. Auch die eine oder andere gute Pizzeria habe ich schon gefunden.

Ein schönes Beispiel für das unterschiedliche Publikum sind die zahlreichen neuen, orange-grünen Bubbletea-Läden in beiden Innenstädten. In Hannover werden sie von der Jugend gut angenommen, in Braunschweig ist die Situation überall die gleiche: Ein einsamer, asiatischer Student steht hinter der Theke und schaut mangels Kundschaft auf sein Smartphone. Mittlerweile haben die ersten braunschweigischen Bubbletea-Läden ihre Glastüren schon nach nur kurzer Zeit wieder geschlossen – ich gratuliere.

Um über die Kneipenszene vergleichend berichten zu können, fehlt mir in Braunschweig noch die Ortskenntnis. Dafür habe ich im Haus gegenüber meine immer gut gefüllte Stammkneipe gefunden, sie hat eine reichhaltige Speisekarte und man kann bis in die Nacht draußen sitzen. Und The Wild Geese muss natürlich auch erwähnt werden – obwohl die Preise zu hoch sind und manche Bedienung nicht gerade charmant – aber erstens ist’s mein Pub und zweitens geht es da manchmal hoch her. Meinen Kollegen zufolge ist‘s aber in Braunschweig irgendwie nicht so weit her mit der Kneipenkultur, nicht einmal im Universitätsviertel. Sie berichten, dass sich auch gute Gastwirtschaften dort nur einige Jahre halten, während in Hannover fast alle meine Stammkneipen aus studentischen Tagen überlebt haben.

Immer schön, immer beschaulich: Eine Okertour mit dem Boot oder auf einem Floß.

Immer schön, immer beschaulich: Eine Okertour mit dem Boot oder auf einem Floß.
Foto: Andreas Maxbauer

Zwar scheint es in Braunschweig kaum große Biergärten zu geben – zumindest habe ich bisher nur einen gefunden – dafür gibt es aber in den Sommermonaten das Okercabana. Das Okercabana ist ein auf Karibik gemachter Beachclub der im Bürgerpark direkt an der Oker liegt, so dass die Gäste auch Kanus mieten oder zu einer Floßfahrt aufbrechen können. An warmen Abenden und am Wochenende ist das Okercabana gut besucht, es geht locker und fröhlich zu, viele Braunschweiger bringen ihre auswärtigen Gäste mit, auch findet sich hier viel studentisches Publikum. Sie treffen sich ebenso wie in Hannover gerne auf einem als Strandimitat dienenden Parkhausdecks, in Braunschweig liegt es direkt neben meinem Büro.

Ansonsten ist in den Straßen kaum wahrnehmbar, dass Braunschweig eine Stadt mit mehreren Hochschulen ist. Auf die zahlreichen aussagefreien Graffities des hannoverschen Univiertels kann ich sehr gut verzichten, aber von dem dort sichtbaren studentischen Milieu könnte Braunschweig schon mehr vertragen. Eine meiner Kolleginnen führt das auf die Dominanz der Technischen Universität zurück, denn angehende Ingenieure säßen nachts vor ihren Rechnern statt in die Kneipe zu gehen oder sonstwie sichtbar zu werden. Vielleicht sind sie ja unterwegs, unterscheiden sich aber optisch weniger von ihren Mitbürgern als dies in Hannover der Fall ist.

Denn in der Mode ist Hannover eindeutig großstädtischer, internationaler, vielfältiger, bisweilen schräger – man sieht hier mehr schrillere und individuell gekleidete Menschen. In Braunschweig ist die auf den Straßen sichtbare Mode bürgerlicher und betulicher, auch die Frisuren sind dort langweiliger. Die Kleidung ist insgesamt weniger geschlechtsspezifisch, das praktische Unisex-Outfit ist die Norm. Sind die Menschen in Braunschweig „normaler“? Braucht es in Braunschweig sehr viel weniger um aus der Norm zu fallen? Das wäre schade. Vielleicht gibt es ja einen Zusammenhang zwischen der bewahrenden Schönheit eines Stadtbildes und den Menschen die dort wohnen.

Und Braunschweig ist durchaus schön, jedenfalls an den meisten Orten. Schade, dass es hier kein Google Streetview gibt, denn es würde sich wirklich lohnen um die Stadt auch vom Rechner aus zu besichtigen. Diese Abstinenz ist erstaunlich für eine Stadt, die viele technische Institute und Forschungseinrichtungen beherbergt und damit kräftig wirbt. Aber die Stadt hat alles getan um Streetview zu verhindern, es gibt auf der städtischen Website sogar noch Formulare zum Download, mit denen Bürger Einspruch erheben sollten. Diese (klein)bürgerlichen Bedenken sind zwar Realität, aber auch ein Zeichen von Provinzialität und Stillstand. Aber das ist ein gänzlich anderes Thema.

Also noch einmal: Braunschweig ist durchaus schön, jedenfalls an den meisten Orten. Es lohnt sich mehr als in Hannover in der Innenstadt und viele angrenzende Stadtteile spazieren zu gehen, weil es mehr Historisches und liebevoll Erhaltenes zu entdecken gibt. Nachdem im Zweiten Weltkrieg beide Städte in Schutt und Asche gelegt wurden, hat Braunschweig mit seinen Traditionsinseln viel getan, um wieder ein identitätsstiftendes Stadtbild zu schaffen. Es gibt viele große Kirchen auf engem Raum, es gibt schöne Brunnen die sich oft auf stadthistorische Episoden und Personen beziehen, es gibt zahlreiche Plätze die mit vom Bürgerstolz kündenden alten Häusern gesäumt sind. Das selbstbewusst Bürgerliche ist in Braunschweig überall greifbar, auch weil das aufstrebende Bürgertum die Stadt mehr prägte als in Hannover. Demzufolge wird in Braunschweig auch heute noch sehr viel Traditionspflege betrieben, sehr viele Veranstaltungen und Ausstellungen haben die eigene Stadtgeschichte zum Thema.

In Braunschweig prallen die Geschichte und die vergangene Moderne besonders hart aufeinander.

In Braunschweig prallen die Geschichte und die vergangene Moderne besonders hart aufeinander.
Foto: Andreas Maxbauer

Diese Schönheit steht in Braunschweig in einem großen Kontrast zur eher hässlichen Architektur der Sechziger und Siebziger Jahre. Das ist eine Folge der inkohärenten Stadtplanung nach dem Krieg, die  kein geschlossenes Stadtbild ergibt. So sind viele abrupte Wechsel und Brüche sichtbar: historischer Gebäudebestand mit hohen unansehnlichen Funktionsbauten, sichtbare Baulücken mit geschlossenen Fassadenreihen, niedrige und hohe Gebäude, weite Flächen und engere Schluchten. Die Sicht auf die Architektur ist in Braunschweig weit mehr als in Hannover eine Frage des persönlichen Standpunktes – und zwar im Wortsinne, denn je nach dem wo man sich gerade befindet, sieht es sehr gut aus oder erbarmungswürdig. Ein gutes Beispiel ist das erwähnte Schloss: Drehe ich mich von ihm weg, wird es – besonders zum Bohlweg hin – wenig majestätisch. Die Erdgeschosse gesichtsloser Zweckbauten beherbergen Billigläden und Schnellimbisse ohne Zahl sowie einige Straßencafés.

Kultur wird in beiden Städten groß geschrieben, beide haben renommierte Theater und ein vielfältiges Musikprogramm, fast jeden Abend ist das Angebot größer als die Möglichkeit alles zu sehen, besonders im Herbst. Braunschweig hat eher einen Hang zur „Hochkultur“, Etabliertes und Bekanntes überwiegt hier. Auch haben beide Städte ein reiches Angebot an Kunstmuseen und spezialisierten Museen, der Bildungsbürger wird in gleichem Maße gut versorgt.

Eine traurige Nummer – Karnevalsauftakt in Hannover.

Eine traurige Nummer – Karnevalsauftakt in Hannover.
Foto: Andreas Maxbauer

Beide Städte haben ihre herausragenden Stadtfeste, die unter großer Beteiligung der Bevölkerung stattfinden. In Hannover ist es vor allem das Schützenfest, insbesondere der Schützenausmarsch wird durch die ganze Innenstadt von fröhlichem Publikum begleitet. Da das Wort „Schützenfest“ bei den meisten Zeitgenossen abwehrende Reflexe auslöst, muss erwähnt werden, dass er in Hannover in hohem Maße mit einem Straßenkarneval vergleichbar ist, der dort nie richtig Fuß fassen konnte. In Braunschweig hingegen ist der Karnevalsumzug das zentrale Ereignis, das die Menschen in großen und munteren Scharen in die Innenstadt treibt, sogar bei happigen Minusgraden.

Ich habe in Braunschweig bisher zu wenig Theater und Konzerte besucht, aber mein erster, womöglich falscher Eindruck ist, dass das Publikum lebendiger als in Hannover ist. Ein Highlight ist im September die Veranstaltungsreihe „Kultur im Zelt“ im braunschweigischen Bürgerpark. Dort gab es vor kurzem einen Varietéabend an dem die Darsteller einige Witze über Wolfsburg rissen, die beim Publikum sehr gut ankamen. Da die Schauspieltruppe aus Hannover kam, wäre es wohl zuviel verlangt gewesen, dass sie ihre Scherze über Hannover gemacht hätte – aber ich bin sicher, dass sie noch weit mehr Zustimmung beim Publikum gefunden hätten.

– Fortsetzung folgt –

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s