Braunschweig und Hannover, eine Reflexion – erster Teil

Braunschweig ist ständig reflektierte Tradition.

Braunschweig ist ständig reflektierte Tradition.
Foto: Andreas Maxbauer

Nun bin ich vor etwas mehr als einem Jahr von Hannover nach Braunschweig gezogen um hier zu leben und zu arbeiten. In letzter Zeit werde ich von meiner Familie, von Freunden und Kollegen wieder häufig gefragt, wie es denn dort so sei. Eine Frage, die sich gar nicht mehr so einfach beantworten lässt wie vor einem halben oder dreiviertel Jahr. Zum einen weicht das unumgängliche ständige Entdecken der Anfangszeit langsam der Gewöhnung, so dass anfangs Spannendes alltäglicher wird. Zum anderen und im Gegenzug fallen mir bei näherer Betrachtung Dinge auf, die mir zuvor verborgen blieben. Ich neige zwar nicht zum ständigen Vergleich, dennoch möchte die Frage derjenigen die mir nahestehen gerne vergleichend beantworten, auch für mich selbst.

Es folgt also eine Standortbestimmung im Wortsinn, natürlich rein subjektiv, manchmal auch etwas überzeichnet. Man möge mir dabei zu Gute halten, dass ich von Braunschweig noch nicht viel „verstehe“. Was ich beobachte und schildere, sind zudem Unterschiede wie sie zwischen einer großen und einer mittelgroßen Stadt üblich sind: Hannover hat rund 500.000 Einwohner, Braunschweig die Hälfte – insofern ist der eine oder andere Vergleich durch die Größe und Infrastruktur gegeben und somit hinkend. Natürlich gibt es bei beiden Städten auch Gemeinsamkeiten: es sind norddeutsche Universitäts- und Verwaltungsstädte, jeweils mit etwas Industrie und blühenden Kulturlandschaften. Insgesamt gesehen ergibt der Vergleich deutlich zu viel Stoff für ein einzelnes Posting, das kann und mag ja keiner auf einen Rutsch lesen; ich werde den Artikel daher in drei Partien teilen. Beginnen wir also mit dem allgemeinen Innenstadtbild und dem Verkehrsgeschehen.

Der Braunschweig Hauptbahnhof während der Rushour

Der Braunschweiger Hauptbahnhof während der Rush Hour.
Foto: Andreas Maxbauer

Was mich immer wieder überrascht wenn ich nach Hannover komme, sind die Geschwindigkeit, die Hektik und der Lärm, schon im hannoverschen Hauptbahnhof beginnend. Die Bahnhofshalle ist übervoll mit durcheilenden Reisenden, während die braunschweigische vergleichsweise leer ist. Hier stehen die Menschen oft oder sitzen im Wartebereich – einen solchen gibt es in Hannover nur für Reisende erster Klasse oder mit einer BahnComfort-Karte. Das Volle und Laute hängt sicherlich auch damit zusammen, dass der Hauptbahnhof in Hannover ein Bahnkreuzungspunkt ist und direkt in der Innenstadt liegt. Im Unterschied zum braunschweigischen Durchgangsbahnhof, der als Knotenpunkt fast nur das Umland bedient und seit fünfzig Jahren etwas außerhalb der City liegt.

Das gleiche Bild zeigt sich in den Fußgängerzonen beider Städte. In Hannover ist das Schritttempo ungleich höher als in Braunschweig, wo die Passanten langsamer gehen, häufig in kleinen Gruppen zusammenstehen und sich unterhalten. Braunschweigs City erinnert größtenteils an Hannovers Lister Meile, nur in größer und repräsentativer. Dazwischen liegen schöne Plätze auf denen im Unterschied zu den hannoverschen mehr Bänke zum Verweilen einladen. Auch gibt es in oder nahe der Innenstadt fast die ganze Woche über Märkte auf den historischen Plätzen. Das Einkaufsklima ist in Braunschweig entspannter, angenehmer und schöner, was vielleicht auch daran liegt, dass es mehr inhabergeführte Geschäfte und weniger Ladenketten gibt. Echte Geschäftsinhaber haben in der Regel ein offeneres Auge für die Gestaltung ihrer Läden und achten mehr und gemeinsam auf ihre Umgebung. Ein schönes Beispiel ist die Spielfährte aus in den Boden eingelassenen, hellen Pflastersteinen, die Kindern den Weg zum nächsten der 17 Spielgeräte in der Innenstadt weist.

Schöner einkaufen – das Schloss als Shopping Mall

Schöner einkaufen – das Schloss als Shopping Mall.
Foto: Andreas Maxbauer

Natürlich gibt es, besonders am Rande der Innenstand Braunschweigs, auch katastrophal hässliche Gebäude, hier wäre sogar die Bezeichnung „häusliche Gewalt“ völlig unzureichend. Aber insgesamt ist Braunschweigs City deutlich ruhiger, leiser, gemütlicher, fast heimelig. Eine Besonderheit ist das Schloss, das wieder errichtet wurde und im Wesentlichen eine Einkaufspassage ist, ein „Vorhängeschloss“ quasi. Man mag von solcher Fassadenkunst denken was man will, aber von außen ist es deutlich angenehmer als sämtliche anderen Malls des ECE-Konzerns, zum Beispiel der zu hoch gelobten Ernst-August-Galerie in Hannover. Immerhin achtet ECE darauf, dass es eine Mischung von heimischem Gewerbe mit überregionalen Ladenketten gibt. Hier könnte man noch anfügen, dass die Textileinzelhandelskette New Yorker ein braunschweigisches Unternehmen ist, dessen Gründer sehr viel für die Stadt tut, besonders in der Kultur- und Sportförderung.

Das Leisere und Ruhigere ist auch im Straßenverkehr spürbar, der weniger hektisch ist. In Hannover wird wegen der höheren Verkehrsdichte deutlich mehr gehupt und gedrängelt, auch die Taxifahrer schimpfen viel mehr auf alles was ihren Weg kreuzt.

Besonders gern stimmt der Autofahrer-Chor ein Lied gegen Radfahrer an, die in Braunschweig disziplinierter sind, nicht einmal auf der falschen Radwegseite fahren sie und das Licht ist nachts auch meistens an. Eine Sache hingegen nervt mich immer wieder: Braunschweiger Radfahrer strecken nur ungern den Arm heraus, wenn sie abbiegen wollen. Vielleicht ist das auch dem Katzenkopfpflaster geschuldet, das das Radfahren erschwert und in dessen Fugen oft Glassplitter lauern. So hatte ich binnen kurzer Zeit zweimal einen Platten – bei eigentlich unplattbaren Reifen. Es wäre prima, wenn sich die Stadtreinigung regelmäßiger der von Glassplittern übersäten Radwege annehmen würde, das funktioniert in Hannover wesentlich besser.

Im öffentlichen Personennahverkehr hat Hannover eindeutig die Nase vorn, besonders seit der EXPO 2000. Hier sind die Distanzen zwischen den Haltestellen eher auf die Fahrgäste abgestimmt, in Braunschweig sind sie deutlich zu weit voneinander entfernt oder viel zu nah, besonders bei den Straßenbahnen. Problematisch sind auch Taktzeiten, die in Braunschweig am Wochenende oder späten Abend geradezu zur Taxifahrt einladen. Eine Besonderheit ist, dass alle Fahrgäste beim Busfahrer ihre Tickets jederzeit vorzeigen müssen, weshalb sich vor allem am Bahnhof die Abfahrtszeiten ganz erheblich verzögern. Das gilt besonders, wenn Fahrgäste beim Fahrer einen Fahrschein erwerben müssen. Man könnte seine Tickets natürlich auch vorher am Automaten kaufen – wenn es denn welche in Braunschweig gäbe, so wie in anderen Städten auch.

Das insgesamt eher beschauliche Leben zeigt sich noch in anderen Bereichen. Ich bin seit etlichen Jahren in FlickR, einer Fotocommunity im Internet, aktiv. Vergleicht man die hier eingestellten und durchaus anspruchsvollen Bilder der Fotogruppen von Hannover und Braunschweig, zeigen sich auf den zweiten Blick einige Unterschiede. Für Hannover sind neben den üblichen Gebäudeaufnahmen vor allem Menschen, lebendige Straßenszenen, Graffities und Bilder von Festivals zu sehen. Braunschweig zeigt sich ebenfalls mit nahezu ikonografischen Architektur- und Denkmalfotos in hoher Zahl, auch werden viel Parklandschaften und viel Schönes gezeigt. Menschen und Szenen gibt es auch, aber in geringerer Zahl. Was an den Bildern auffällt ist, dass es in Hannover bei den Skulpturen im öffentlichen Raum eine größere Aufgeschlossenheit für die Moderne und Abstraktes gibt, während Braunschweig Denkmäler historischer Persönlichkeiten und gefällige Kunst präferiert. Ehemalige Fabrikgelände mit kaputten Scheiben sind in beiden Fotogruppen sehr beliebt. Hannover stellt sich in den Bildern der Fotografen insgesamt in einer größeren Vielfalt dar und wirkt vitaler, großstädtischer.

– Fortsetzung folgt –

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