Über kurz oder lang – Hauptsache achteckig

Braunschweig zwischen 1726 und 1750. Quelle: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

Braunschweig zwischen 1726 und 1750. Quelle: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

Wer sich als Besucher in Braunschweig umsieht, dem fallen die vielen, ungewöhnlich großen Innenstadtkirchen auf, die oft nur einen Steinwurf voneinander entfernt liegen, einen guten Werfer vorausgesetzt. Der zweite Blick zeigt, dass einige der Kirchen zwei ungleiche Türme haben: der Dom, St. Andreas, St. Katharinen und St. Magni.

Der sich zunächst aufdrängende Gedanke, dass dies sichtbare Wunden aus dem letzten Weltkrieg sind, stimmt nur bei einer der Kirchen. Schon alte Stiche oder Fotografien zeigen, dass die unterschiedlichen Turmhöhen seit vielen Jahrhunderten bestehen.

Das ist ungewöhnlich, das macht neugierig. Eine zweistündige Internetrecherche war nicht so ergiebig, ein witziger Treffer jedoch war das Angebot eines Internethökers „Kirchtürme jetzt kaufen für nur 8,00 € … sehr guter Zustand.“ Das war nicht sehr zielführend, also blieb am Wochenende nur der Weg von Kirche zu Kirche, denn hier hängen oft Tableaus mit der Bauhistorie.

Was die Größe und die Nähe der einzelnen Kirchen zueinander betrifft, so liegt der Ursprung in der Vergangenheit Braunschweigs. Eigentlich war Braunschweig im frühen Mittelalter eine Ansammlung von fünf eigenständigen und konkurrierenden Ortsteilen, jeweils mit eigener Pfarrkirche, Rathaus, Marktplatz und Verfassung. Diese sogenannten Weichbilde wuchsen im 13. Jahrhundert räumlich wie rechtlich zur Stadt zusammen; sie bilden jeweils den Kern der nach dem Krieg geschaffenen Traditionsinseln.

Foto: Andreas Maxbauer

Das Referenzmodell ist der Dom St. Blasii, er wurde 1173 von Heinrich dem Löwen gegenüber seiner Burg Dankwarderode errichtet. Wie es bei den großen, repräsentativen Kathedralen seinerzeit üblich war, wurde auch der Dom mit zwei Türmen gebaut. Sie weisen eine Eigenart auf, die auch die anderen „ungleichen“ Kirchtürme Braunschweigs teilen, denn sie sind allesamt achteckig. Beim Dom sind nicht höher als das Glockenhaus, irgendwie scheint da etwas zu fehlen. Auch sind die Türme nicht wirklich ungleich, der südliche hat bloß eine kleine Laterne obenauf.

Braunschweig hatte wie die meisten anderen Hansestädte auch, ein starkes, wirtschaftlich erfolgreiches Bürgertum. Damals wie heute zeigen sich selbstbewusster Stolz sowie machtherrliche Attiüde vor allem in groß angelegter Architektur, die aber nur selten großartig ist. Die wohlhabenden mittelalterlichen Metropolen demonstrierten das gerne in überreichen Rathäusern und ausladenden Kirchen, gerne mit zwei Türmen, das macht sie bedeutsamer, kathedraliger sozusagen.

So wurden in Braunschweig kurz nach der Errichtung des Doms durch den Landesvater, auch die alten romanischen Kirchen etwa zeitgleich von den Stadtbürgern durch Pfeilerbasiliken ersetzt, die später wiederum in helle Hallenkirchen umgebaut wurden. Sie orientierten sich zwar allesamt am Dom, nur sollten sie größer, moderner und repräsentativer werden als dieser. Und sie sollten ordentlich hohe, weithin sichtbare Kirchtürme haben, die dem Dom ja fehlten.

Foto: Andreas Maxbauer

St. Andreas zum Beispiel, eine Kirche die mir schon wegen ihres Namens sympathisch ist, hatte im 16. Jahrhundert mit 122 Metern einen der höchsten Kirchtürme Mitteleuropas. Hier zeigt sich in schönster Manier das Streben nach Größe, denn St. Andreas war damit das Erste und das Letzte was man als Reisender von Braunschweig sah. St. Andreas setzte (wie die anderen Kirchen hier auch) wortwörtlich noch einen oben drauf – mit einem vergoldeten Turmknauf der schon von Weitem in der Sonne leuchtete.

Durch verschiedene Ereignisse wie Unwetter, Brände und Kriege stürzten die Turmhelme mehrfach ein, der mächtige Turm wurde nach und nach kürzer und erhielt dann 1742 seine Barockhaube wie sie heute noch (rekonstruiert) zu sehen ist. Dieser Südturm ist mit beeindruckenden 93 Metern immer noch der höchste Kirchturm der Stadt; man kann ihn besteigen und wird nach kräftezehrenden 389 Stufen mit einen wunderbaren Blick über die Stadt belohnt. Der Nordturm hingegen blieb über die Jahrhunderte hinweg schlicht unvollendet.

Foto: Andreas Maxbauer

Auch bei der zwei Straßen entfernten Kirche St. Katharinen war es der Nordturm, der nie vollendet wurde. Der Grund ist im Geldmangel zu finden: Wurden die großartigen Kirchenbauten zu Zeiten des lukrativen Ablasshandels begonnen, war diese Quelle infolge der im Jahre 1528 auch in Braunschweig eingeführten Reformation versiegt. Hinzu kamen kostspielige Kriegshändel zwischen Braunschweig und Heinrich dem Jüngeren, die dafür sorgten, dass man bei beiden Kirchen ein sehr zeitiges Bauende anstrebte.

Überhaupt wandelte sich mit der Reformation die Einstellung zur Ausstattung von Gotteshäusern, denn sie hatten nicht mehr von der weltlichen Herrlichkeit des Klerus künden, eine Nummer kleiner tat es künftig auch. Das zeigte sich auch in der Zahl der Kirchtürme, denn ab dieser Zeit galten in den Reichsstädten auch Kirchen mit nur einem Turm wieder als repräsentativ genug.

Foto: Andreas Maxbauer

Ganz anders verlief die Geschichte bei St. Magni, der ältesten Kirche Braunschweigs, denn ihre Weiheurkunde aus dem Jahr 1031 gilt als erster urkundlicher Beleg der Existenz dessen, was heute die Stadt Braunschweig ist. Die im Vergleich zu den anderen Kirchen kleinere St. Magni wurde ab 1252 auf den Fundamenten der ursprünglichen Kirche neu erbaut und hatte zwei gleich hohe, natürlich achteckige Türme. Die waren nicht so beeindruckend groß, machten aber in Bezug auf Eleganz schon deutlich mehr her als die des Domes. Beeindruckend ist das Alter des Geläuts, die „Magnusglocke“ stammt aus dem Jahr 1335.

Dass die Kirchtürme unterschiedlich hoch sind, ist eine Folge des Luftangriffs vom 23. April 1944: St. Magni wurde sehr stark beschädigt, es standen nur noch der Südturm und die Säulenarkaden des Langhauses. Von 1956 bis 1964 wurde die Kirche auf der einen Seite in zeitgenössischer Architektur neu errichtet, was gerade ihrem Innenraum einen ganz besonderen Reiz verleiht. Eine Meinung übrigens, die viele traditionsverhaftete Braunschweiger definitiv nicht teilen, dafür wurde auch von der erhaltenen Bausubstanz zuviel verändert. Bei dieser Renovierung entschied man sich, den zerbombten Turm nicht wieder zu errichten, er wirkt mit seiner sichtbaren Wunde als Mahnmal.

Es gibt noch eine Kirche mit zwei, natürlich achteckigen Türmen, St. Martini. Im Gegensatz zu den anderen beschriebenen Kirchen hat sie als Besonderheit zwei gleich hohe Türme und ist damit völlig unspannend für uns. Sie wird aber kurz zu Beginn meiner Suche nach einer Kirchengemeinde in Braunschweig beschrieben.  Aber das wird eine andere noch zu erzählende, sehr evangelische Geschichte.

2 Antworten zu “Über kurz oder lang – Hauptsache achteckig

  1. Hallo, ich habe gelesen, daß einer der Türme (generell – nicht nur bezogen auf BS) höher war, damit der Brandwächter die Alarmfeuertürme der Umgebung sehen konnte, ohne daß der Blick in eine Richtung vom Nachbarturm versperrt wurde.

    Diese Alarmfeuertürme waren ziemlich weit verbreitet und dienten u.a. der schnellen Nachrichtenübertragung. Da Kirchtürme generell die höchsten Erhebungen in Städten und Dörfern waren, bot sich der Turm als Knotenpunkt an.

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  2. Mir wurde mal erzählt, dass die Kirchtürme unterschiedlich sind, weil den einen Turm die Bürger und den anderen Turm die Kirche gebaut hat. Beide wollten den schöneren, höheren etc. Turm bauen und damit die andere Seite übertrumpfen… aber das passt nicht mit den o. a. Informationen zu den einzelnen Kirchen zusammen.

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