Leuseliges Braunschweig

Plüschlöwen in der Touristen-Information.
Foto: Andreas Maxbauer

Die traditionsbehafteten Braunschweiger (also die meisten Braunschweiger) haben’s ja mächtig mit ihrem Löwen, und das schon etwas länger. Einer der vielen Sagen nach beobachtete der Welfenherzog Heinrich der Löwe (1129/30–1195) den Kampf eines Löwen mit einem Lindwurm. Da der Löwe zu unterliegen drohte, erschlug Heinrich den Lindwurm und rettete somit die Raubkatze, die ihm dankbar und fortan nicht mehr von der Seite wich. Vielleicht hatte der um seine Wirkung bedachte Heinrich ja nur in dem Kampf eingegriffen um zu verhindern, dass der Lindwurm zu seinem Wahrzeichen würde. Verglichen mit den zahllosen Löwenlegenden anderer Städte, ist die Sage stadtmarketingmäßig offensichtlich subtil genug, um den Löwen als Wahrzeichen Braunschweigs dauerhaft zu implementieren. Wie dem auch sei, der damaligen Bevölkerung konnte es egal sein, weil der normale Bürger seinerzeit weder das eine noch das andere Tierchen selbst gesehen hat. Ich denke eher, dass auch Heinrich dem Lindwurm nie begegnet ist, sondern nur aus der einschlägigen Fachliteratur seiner Zeit kannte.

Belegt hingegen ist, dass Heinrich das allseits berühmte Löwenstandbild als machtvolle Demonstration seiner Stärke um 1166 vor der Burg Dankwarderode aufrichten ließ. Von da an war kein Halten mehr, der Löwe und Braunschweig, Braunschweig und der Löwe sind seitdem eins. Zweihundert Jahre nach seiner Aufstellung wurde der Löwe endgültig zum Stadtwappen und ist seither mit einigen stilistischen Veränderungen in Gebrauch. Demzufolge prangt (Sagt man bei einem Löwen besser „prankt“?) das rote Löwenwappen an allerlei historischem Gemäuer.

Auch heute noch weiß das heimische Gewerbe den Löwen zu schätzen, stellt er doch ein atmosphärisch verbindendes Element zur Kundschaft dar – Bäckereien, Autohändler, Bestatter, Dachdecker, Steuerberater und Werbeagenturen bedienen sich des lokalen Maskottchens. Man kann sogar eine Braunschweiger Löwenbratwurst genießen, am besten mit den Löwenbrötchen aus der Löwenbäckerei, wobei der dazugehörige Löwensenf jedoch aus Düsseldorf stammt. Wer es jedoch lieblicher mag, kann einen Braunschweiger Löwentee genießen. Bei den örtlichen Vereinen, deren Mitglieder ja Braunschweiger Bürger sind, ist der Löwe sowieso hoch im Kurs: Vom einträchtigen Fußballclub, einem Boxverein und einem Automobilclub über eine Weinbruderschaft bis zum Schützenverein zeigt der Leu seine wilde Stärke. Hier eine kleine Auswahl:

  • Blau-Gelbe Volkswagenlöwen
  • Braunschweiger Löwe, ein Schützenverein
  • Braunschweiger Löwenbäcker
  • Braunschweiger Marketinglöwe, ein Marketingpreis für Braunschweiger Unternehmen
  • Löwe für Löwe e.V., ein Hilfsverein für Sierra Leone
  • Löwen-Automobile-Braunschweig
  • Löwen-Box-Team Braunschweig-Salzgitter-Wolfenbüttel
  • Löwen Classics, ein internationales Turnier im Springreiten und in der Dressur
  • Löwen Master Cup, ein Wettrennen von Modellfahrzeugen
  • Löwenpicknick mit dem Löwenlauf der Bürgerstiftung (natürlich auf dem Löwenwall)
  • Mini-Löwen Braunschweig, die Interessengemeinschaft für Mini und Mini Cooper
  • Weinbruderschaft Braunschweiger Löwe e.V. von 1983
  • Workingtest Braunschweiger Löwe, ein Wettbewerb für Curly Coated Retriever

Ein Lindwurm (wenn auch aus Potsdam).
Foto: Andreas Maxbauer

Eigentlich kann man ganz froh sein, dass Heinrich einst den Löwen vor einer Niederlage bewahrt hat. Man stelle sich vor, der Lindwurm hätte gewonnen! Marketingmäßig gesehen wäre das sicherlich spannender gewesen und tatsächlich ist der Lindwurm an verschiedenen Stellen Braunschweigs zu sehen. Andererseits glaube ich nicht, dass Lindwurmbratwurst ein großer Verkaufsschlager geworden wäre, nicht einmal mit den guten Lindwurmbrötchen aus der Lindwurmbäckerei.

Eine Antwort zu “Leuseliges Braunschweig

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