Der Braunschweiger als Solcher

Die Heimat als fester Daseinsgrund – Fußmatte bei Butlers.
Foto: Andreas Maxbauer

Was macht einen Braunschweiger aus? Ich schrieb am 9. August 2011 dass ich nach amtlicher Meldung in Braunschweig und Änderung meines Personalausweises Braunschweiger bin, jedenfalls auf dem Papier. Tom, ein Besucher dieses Blogs, schrieb vor einigen Tagen in etwas schwankender Grammatik dazu: »Ein Personalausweis macht noch lange kein Braunschweiger.«

Das ist richtig, weil der Verwaltungsakt nicht zugleich den Wesenskern des typischen Bürgers einer Stadt ersetzen kann. Der bekannteste Beleg dürfte in Braunschweig die Einbürgerung Adolf Hitlers sein. Nach mehreren Versuchen in anderen Städten, wurde Adolf im Februar 1932 in Braunschweig zum verbeamteten Regierungsrat beim Landeskultur- und Vermessungsamt ernannt und einen Tag später mittels eines ›Staatsangehörigkeitsausweises‹ zum Reichsbürger. Erst damit wurde er zum Reichskanzler wählbar. Er hielt es denn auch nicht lange aus in Braunschweig und melde seinen Wohnsitz eineinhalb Jahre später wieder ab, denn größere Aufgaben warteten auf ihn in Berlin. Die verheerenden Folgen sind bekannt, im Amtsgericht hängt eine sehr gute und lesenswerte Tafel dazu. Die braunschweigischen Bürger – die zur Zeit der Einbürgerung größtenteils SPD wählten und von dem Vorgang nichts wussten – würden sich sehr zu Recht dagegen verwahren, dass Adolf Hitler einer der Ihren war.

Ist’s nun die Geburt oder die Familienherkunft, die einen zum Braunschweiger macht? Wäre sie das ausschlaggebende Kriterium, müsste man sich auch der Geschichte der Welfen zuwenden, die ihre Anhänger sowohl in Braunschweig als auch in Hannover haben. Da sich Beide nicht so recht vertragen und brunzdumme Nickeligkeiten austauschen, kann die gemeinsame genetische Herkunft wohl kaum als Empfehlung dienen. Außerdem könnte sich auch Wolfenbüttel einmischen, weil die welfischen Herzöge von 1432 bis 1735 nicht mehr in Braunschweig leben mochten sondern dort ansässig wurden. Also ist’s besser, etwas mehr Vorsicht walten zu lassen, wenn der Geburtsort als Grundlage der Identität herhalten muss. Was man den Welfen wirklich zugute halten muss und das Wir-Gefühl der drei Städte stärkt, sind ihre baulichen Hinterlassenschaften, zwei Schlösser wurden bzw. werden sogar neu errichtet.

Ein weiterer Beleg für die Untauglichkeit der Geburt als Grundlage braunschweigischen Wesens ist unser Oberbürgermeister Gert Hoffmann. Er hat in seinem Leben schon in vielen Kommunen und Regionen gewirkt (hier lohnt ein Blick bei Wikipedia auf seine Biografie). So hat er sich unter anderem auf den Posten als Oberstadtdirektor nach Hildesheim beworben, aufgrund der Wirkungsmacht unseres heutigen Finanzministers Möllring konnte Gert Hoffmann diese Position nicht erringen. Nun ist er also der Inbegriff eines Braunschweigers – bei gelungener Bewerbung hätte er es genauso gut zum vorbildlichen Hildesheimer gebracht.

Gibt es eine besondere Mentalität, die den Braunschweiger erst zum Braunschweiger macht? Mentalität birgt Chancen wie Risiken, wobei das Risiko überwiegt, weil gefühlsbasierte Selbstdefinition meist als sinnentleerte Selbstreferentialität verkümmert. Das führt schlussendlich zu Abgrenzung und Skurrilität, wie sie einst Wieland in seiner Geschichte die Abderiten so treffend beschrieb: „ihre Einbildung gewann einen so großen Vorsprung über ihre Vernunft, dass es dieser niemals wieder möglich war, sie einzuholen“. Aber das kann man nur von dumpfen Lokalpatrioten sagen – mit denen unglücklicherweise fast jede historisch bedeutsame Stadt geschlagen ist.

Also, was macht ihn denn nun aus, den Braunschweiger als Solchen?
Ich bin neugierig und gespannt – die inhaltsreiche Debatte könnte beginnen!

Eine Antwort zu “Der Braunschweiger als Solcher

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