Eintracht Bombay

Schon mal etwas von Mumbai gehört? Das ist eine Stadt von rund 12,5 Millionen Einwohnern, bekannter unter ihrem alten Namen Bombay. Sie wurde vor fünfzehn Jahren umgetauft, nicht aus zwingender Notwendigkeit, sondern um von unzähligen Infrastrukturproblemen, von beeindruckender Korruption und Missmanagement abzulenken. Die Begründung war, dass die Stadt einst von ihren portugiesischen Kolonialherren Bombay getauft wurde, obwohl sie eigentlich schon im 16. Jahrhundert Mumbai geheißen habe. Nicht wenige afrikanische Staaten verfahren ebenso mit ihrem „kolonialen Erbe“.

Die Argumentationsstrategie zur Einführung des neuen Logos des „Braunschweiger Turn- und Sportverein Eintracht von 1895“ (kurz „Eintracht Braunschweig“) mutet mir doch sehr ähnlich an. Zunächst einmal eine Gegenüberstellung von altem und neuem Signet:

Grafisch ungeübte Leser seien darauf hingewiesen, dass es sich beim linken Zeichen um das nunmehr alte Logo handelt und das rechte das neue Signet ist. Es wurde von der braunschweigischen Agentur Gingco.net in einem eineinhalbjährigen Schaffensprozess und in liebevoller Kleinarbeit neu gestaltet. Laien könnten denken, dass es eines der zahlreichen, ganz alten Vereinslogos ist, das bloß exhumiert wurde. Doch die Verantwortlichen werden nicht müde, das Neuartige zu betonen. Meinem geübten Grafikerauge hingegen bleibt der grundlegende Unterschied zu den Logoversionen von 1929, 1933, 1949 und 1967 im Wesentlichen verborgen. Das Modernste scheint mir noch die Verwendung der 1957 herausgebrachten Schrift Univers zu sein.

Die Behauptung einer Neuschöpfung steht zudem in so krassen Widerspruch zur Argumentation, dass sie selbst einen abgebrühten Dialektiker erröten ließe: „Wir setzen mit der Rückkehr zum runden Wappen ein Zeichen, dass wir uns unserer Tradition bewusst sind und gleichzeitig in eine erfolgreiche und moderne Zukunft des Vereins blicken“, so Vizepräsident Rainer Ottinger. Dem leiseren Vernehmen nach ist es wohl eher so, dass viele Fans und Vereinsmitglieder in der 1987 eingeführten Raute ein Sinnbild für den Abstieg und die Zweitklassigkeit sehen. Wäre es dann nicht sinnvoller die spielerische Qualität anstelle des Logos in Angriff zu nehmen?

Auch wenn ich schon von Amts wegen dem Grafik Design eine Menge zutraue, so glaube ich doch nicht, dass es den Aufstieg einer Fußballmannschaft bewerkstelligen kann, selbst dann nicht, wenn es metaphysisch aufgeladen wird. Diese Relaunches haben schon bei den Umtaufen von Mumbai (Bombay), Chennai (Madras) und Misr (Kairo) nicht geklappt.

Wer durch Braunschweig läuft, findet allerorten das eingeführte Rautenlogo, sogar auf der Herrentoilette der Traditionsgaststätte Mutter Habenicht ist es fein säuberlich in die Fliesen eingelassen. Viele Sponsoren bedienen sich des Rautenlogos intensiv in ihrer Eigenwerbung, als Fassadenbeschriftung, auf Firmenfahrzeugen, Straßenbahnen und Printobjekten. Da Logoänderungen eine durchaus kostenintensive Papierbeschaffungsmaßnahme sein können, stellt sich die Frage, ob die Sponsoren bereit sein werden, Geld für etwas zu investieren, das in der Argumentation derart hanebüchen und widersprüchlich ist? Wird der Eintracht und ihren Investoren nicht eher damit geholfen, dass weitere Siege – und damit mehr Geld – nach Hause gebracht werden? Ist das Ganze nicht bloß eine Eulenspiegelei?

Ach ja: Den meisten Einwohnern ist’s egal, sie sagen weiterhin Bombay, Madras und Kairo – zumal sich Infrastruktur, Korruption und Missmanagement ja auch nicht geändert haben. Außerdem macht man nicht jeden Unfug mit.

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